Jetzt bin ich schon seit sieben Monaten in Peru und die Zeit vergeht unglaublich schnell. Seit meinem ersten Erfahrungsbericht hat sich viel verändert. Mittlerweile sind wir in unserer Freiwilligen-WG nur noch zu zweit, während wir am Anfang zu viert waren. Dadurch hat sich unser Alltag natürlich etwas verändert, aber gleichzeitig fühlt sich die Gegend inzwischen noch mehr wie ein Zuhause an.
Bis man sich wirklich einlebt, dauert es tatsächlich ungefähr ein halbes Jahr. Erst nach dieser Zeit entwickelt man eine richtige Routine und kennt sich besser aus. Gerade in einer Metropole wie Lima dauert es nochmal länger, bis man sich wirklich vertraut fühlt. Allein die Buslinien und Straßen zu verstehen, war am Anfang eine große Herausforderung. Mittlerweile kenne ich mich aber gut aus und bewege mich viel sicherer durch die Stadt.
Am Anfang dachte ich, dass das Einleben schneller gehen würde. Zuerst fühlt man sich eher wie ein Tourist, aber inzwischen fühlt sich Lima wie ein zweites Zuhause an. Besonders die Menschen machen dabei einen großen Unterschied. Wenn ich heute rausgehe, erkenne ich Menschen auf der Straße wieder oder werde erkannt. Dieses Gefühl zeigt mir, dass ich mich wirklich eingelebt habe, denn die Menschen machen einen Ort erst richtig besonders.
Ich habe hier angefangen Bachata zu tanzen und dadurch viele Gleichaltrige kennengelernt. Ein großer Unterschied zu Deutschland ist für mich, wie schnell man hier aufgenommen wird. Man wird sehr schnell zu Aktivitäten eingeladen und oft behandelt, als würde man sich schon ewig kennen. Gleichzeitig finden viele Treffen deutlich später am Abend statt, auch unter der Woche. Viele Menschen arbeiten samstags, trotzdem werden soziale Kontakte sehr bewusst gepflegt und haben einen hohen Stellenwert.
Im Arbeitsalltag fällt mir außerdem auf, wie viel viele Menschen hier arbeiten. Im Büro sind es meist acht Stunden täglich, aber viele arbeiten zum Beispiel in kleinen Läden und sind dort zehn bis vierzehn Stunden am Tag beschäftigt. Einige betreiben sogar kleine Kioske in ihrer Garage und verkaufen nebenbei Dinge. Dann ruft man einfach durchs Gitter und sie kommen nach vorne, um etwas zu verkaufen. Diese kleinen Läden gehören hier ganz selbstverständlich zum Alltag und selbst in den äußeren Bereichen der Stadt gibt es überall Möglichkeiten, etwas zu kaufen.
Weihnachten habe ich zusammen mit meiner Mitfreiwilligen und der Gastfamilie gefeiert, die unter uns wohnt. Wir haben alle etwas gekocht und gebacken, wie ein kleiner Kulturaustausch. Wir haben gemeinsam gegessen, geredet, Musik gehört und getanzt und darauf gewartet, dass es Mitternacht wird. Denn um 0 Uhr wird hier an Weihnachten Feuerwerk gezündet. In der ganzen Stadt konnte man Raketen sehen und hören, was ein sehr besonderer Moment war.
An Silvester gab es sogar noch mehr Feuerwerk als an Weihnachten. Außerdem gibt es hier viele Rituale für Glück im neuen Jahr. Besonders bekannt ist, dass alles in Gelb gehalten wird. Vor allem gelbe Unterwäsche soll Glück bringen. Um Mitternacht essen viele Menschen zwölf Weintrauben und wünschen sich für jede Traube etwas für das kommende Jahr. Manche essen sie sogar unter dem Tisch, was Glück in der Liebe bringen soll. Diese Traditionen mitzuerleben war sehr schön.
Nach dem Sommer hier, während in Deutschland Winter ist, begann das neue Schuljahr. Dadurch habe ich die Möglichkeit bekommen, eine andere Psychologin in einer Schule zu begleiten. Sie ist 27 Jahre alt und gibt kleine Kurse in Grundschulklassen mit Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren. Die Themen sind zum Beispiel Zusammenleben, Respekt oder der Umgang mit Gefühlen. Sie arbeitet mit kleinen Tests, Gesprächen und Präsentationen. Es ist sehr spannend, dabei zuzuschauen und mitzuerleben, wie mit diesen Themen gearbeitet wird.
Bei der Arbeit mit der Psychologin habe ich außerdem gelernt, dass viele Kinder hier Aufmerksamkeitsprobleme haben. Ein Grund dafür ist, dass viele Kinder schon sehr früh, teilweise ab zwei Jahren, Handys zur Unterhaltung bekommen. Die Auswirkungen merkt man später in der Schule deutlich, zum Beispiel bei Konzentration und Verhalten im Unterricht. Es war sehr interessant, diesen Einblick zu bekommen und zu sehen, mit welchen Themen sich Schulen hier beschäftigen.
Neben den Frauenhäusern arbeite ich inzwischen auch in einer sogenannten Olla común. Dort helfe ich morgens beim Kochen und beim Abwasch. Von acht bis zwölf Uhr wird gekocht, danach kommen Bewohner*innen aus der Umgebung, um sich günstige Portionen abzuholen. Sie bringen morgens Töpfe oder Dosen mit, bezahlen eine kleine Summe und holen das Essen ab zwölf Uhr wieder ab. Diese Arbeit zeigt mir sehr direkt, wie wichtig solche Angebote für viele Menschen sind.
Im Moment gibt es in den Frauenhäusern weniger Anmeldungen, weil durch den Schulanfang viele Eltern sehr beschäftigt sind. Wenn wieder genug Anmeldungen zusammenkommen, werde ich einen Yoga-Anfängerkurs leiten. Darauf freue ich mich sehr. Das Frauenhaus in Tres de Mayo verkauft zwischendurch auch gespendete Sachen der Caritas. Im März gab es dort außerdem eine Gesundheitskampagne, bei der man sehr günstig Arzttermine wahrnehmen konnte, zum Beispiel einen Termin bei einer Ernährungsberaterin für nur fünf Soles.
Im Februar fand außerdem das Zwischenseminar hier in Lima statt. Etwa fünfzehn bis zwanzig Freiwillige aus Peru und sogar zwei aus Chile sind dafür zusammengekommen. Das Seminar fand in einem grüneren Teil Limas in Richtung Sierra statt und ging acht Tage lang. Gemeinsam haben wir unser erstes halbes Jahr reflektiert und darüber gesprochen, wie wir die restliche Zeit gestalten möchten. Es war sehr interessant, die Perspektiven der anderen zu hören und zu merken, wie ähnlich und doch gleichzeitig unterschiedlich unsere Erfahrungen sind.
Auch meine Spanischkenntnisse haben sich in den letzten Monaten verbessert. Mittlerweile kann ich gut Gespräche führen und mich im Alltag sicher verständigen. Wenn ich etwas nicht verstehe, liegt es meistens eher am Akzent oder an der Akustik in lauten Räumen als am fehlenden Wortschatz. Das motiviert mich sehr, weil ich merke, wie viel Fortschritt ich seit meiner Ankunft gemacht habe.
In den letzten Monaten habe ich gemerkt, wie sehr mich dieser Aufenthalt persönlich verändert. Viele Situationen, die mich am Anfang noch überfordert oder unsicher gemacht haben, gehören inzwischen ganz selbstverständlich zu meinem Alltag. Ich habe gelernt, geduldiger zu sein, flexibler auf neue Situationen zu reagieren und Dinge oft entspannter zu sehen, wenn sie nicht sofort so laufen wie geplant. Gerade in einem neuen Land merkt man schnell, dass nicht alles planbar ist und man sich häufig anpassen muss. Rückblickend bin ich sehr froh über diese Entwicklung, weil ich merke, wie viel selbstständiger und selbstbewusster ich geworden bin. Zudem ist die hora peruana auch ein kleiner Teil von mir geworden.
Wenn ich auf die vergangenen sieben Monate zurückblicke, bin ich sehr dankbar für alles, was ich bisher erleben durfte, und bin gespannt auf die kommenden Monate und die Erfahrungen, die noch vor mir liegen.
Liebe Grüße
Lisa