In Puerto Rico habe ich hauptsächlich in einem Kinderheim gearbeitet. Dort gibt es insgesamt vier verschiedene Wohnhäuser, in denen jeweils fünf bis sieben Kinder und eine Hausmutter, die die Kinder “Tia” (Tante) nennen, zusammenleben. Morgens bestand meine Aufgabe hauptsächlich darin, die Hausmutter bei Haushaltsaufgaben wie Kochen und Spülen zu unterstützen. Oft gab es dann noch Zeit, um mit den Kindern Verstecken zu spielen, ihnen vorzulesen oder mit ihnen zu malen. Ich habe gemerkt, dass es meistens gar nicht viel braucht, um die Kinder zu begeistern und sie zum Lachen zu bringen. Es reichte einfach, für sie da zu sein, ihnen zuzuhören und ihnen meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen gegen 12 Uhr half ich beim Abwasch und hatte dann die bekannte Siesta. Bei dem heißen, oft feuchten Klima mit Temperaturen von 35 bis 40 Grad im Sommer, ist das auch wirklich notwendig. Dreimal am Tag zu duschen ist deswegen nicht ungewöhnlich. Nachmittags, nachdem die Sonne zumindest nicht mehr so stark scheint, begann meine Arbeit meistens gegen 17 Uhr. Um diese Zeit waren alle Kinder im „Patio”, dem großen Spielplatz und Garten, den das Kinderheim einschließt. Dann kamen alle Kinder aus den verschiedenen Wohnhäusern zusammen und konnten miteinander spielen. Vor allem Fußball war immer sehr beliebt.
Das neue Jahr begann für mich dann mit einer Mission in San Vicente, bei der ich gemeinsam mit den Schwestern aus meiner Kommunität teilnahm. Das Prinzip der Mission sind Hausbesuche, bei denen über die lokale Kirche informiert wird, damit die Leute sich wieder mehr der Kirche zuwenden. Für mich war das erst einmal etwas komplett Befremdliches und Ungewöhnliches, da ich so etwas noch nie gemacht hatte und die Vorstellung einer Mission mich eher an die Zeugen Jehovas erinnerte. Wie sich jedoch nach den ersten Tagen zeigte, geht es um viel mehr als das. Ja, natürlich geht es auch darum, die Leute für die Kirche zu begeistern und ihnen zu erklären, wer wir sind und was wir machen, vielmehr geht es aber darum, ihnen zuzuhören und die Zeit in Gesellschaft zu verbringen. Es hat mich wirklich beeindruckt, wie die Menschen, kurz nachdem wir uns vorgestellt hatten, schon ihre ganze Lebens- und oft auch Leidensgeschichte erzählt hatten. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Vertrauen sie uns geschenkt haben. Rückblickend hat die Mission mich auf eine seltsame Art berührt und mein Herz gefüllt. Die Menschen waren trotz ihrer unglaublichen Vergangenheit, unter der sie teilweise heute noch leiden, immer herzlich, gastfreundlich und vermittelten Lebensfreude und Liebe.
Fast direkt im Anschluss ging es für mich weiter nach Posadas, wo ich die Möglichkeit hatte, durch das MJS der Salesianer (Movimiento Juvenil Salesiano) ein Jugendprogramm, das PPJ (Patio para Jugar), mitzuerleben. Das MJS ist eine Bewegung der Salesianer, die, mit Don Bosco als Vorbild, junge Menschen in den Fokus rückt und ihnen durch den Glauben eine bessere Perspektive bietet. Im PPJ ging es hauptsächlich darum, die Elemente Spiel und Glaube miteinander zu verbinden und den Kindern und Jugendlichen aus schwierigeren Verhältnissen eine schöne Zeit zu bereiten. Dort habe ich fast zwei Wochen verbracht. Diese intensive Zeit der Jugendarbeit im Rahmen der Kirche hat mich nicht mehr losgelassen. Es ist kaum zu glauben, bis man es selbst erlebt hat. So eine lebendige, junge Kirche, in der der Glaube auch gelebt und weitergetragen wird, habe ich noch nie zuvor erlebt. Das hat mich sehr tief berührt und meinen eigenen Glauben gestärkt. Ich habe dort etwas gefunden, wovon man in Deutschland nur träumen kann. Ich bin sehr froh und dankbar, an dieser Atmosphäre teilhaben zu dürfen.
Seit März wohne ich jetzt in Posadas, der Provinzhauptstadt von Misiones am Rio Paraná, bei einer Gastfamilie. Im Moment lebe ich mich noch etwas ein. Zweimal die Woche begleite ich meine Gastschwester, die Englischlehrerin ist, in den Unterricht in der Schule „Don Bosco”. Die Schule an sich liegt in einem der ärmeren Viertel in Posadas. Die meisten Kinder gehen gerne zur Schule und haben vor allem Spaß am Englischunterricht. Am Wochenende verbringe ich viel Zeit in der Gemeinde „San Miguel”, die nur einen kurzen Fußweg von meinem Wohnort entfernt ist. Dort wirke ich in verschiedenen Jugendgruppen mit. Alle Gruppen basieren auf den Prinzipien des Jugendprogramms der Salesianer.
Die Struktur der Gruppen, die ein Angebot für alle Kinder und Jugendliche darstellt, ist dabei fast immer gleich. Zunächst finden sich erst einmal alle zusammen, wobei oft Fußball oder Volleyball und danach Gruppenspiele und -dynamiken angeboten werden. Dann gibt es immer einen thematischen, meist biblischen Teil, in dem wir uns inhaltlich und auch im Gebet mit Gott, Jesus und der Bibel auseinandersetzen. Es geht dort vor allem um Momente der Reflektion, Ruhe und eine kurze Auszeit mit Gott. Zum Schluss folgt die sogenannte „Merienda”, ein Nachmittagssnack. Danach gehen wir noch gemeinsam in die Messe.
Das „Oratorio” ist im Grunde ähnlich aufgebaut, mit dem Unterschied, dass wir in die Viertel gehen und die Kinder und Jugendlichen direkt von ihren Häusern abholen und sie später wieder zurückbringen. Hier erfährt man viel über die Lebensrealität der Menschen.
Am Samstagabend folgte der Ostergottesdienst, der eine wirklich besondere Atmosphäre hatte. Mit Kerzen in der Dunkelheit feierten wir Ostern. Im Anschluss hatten wir mit dem Movimiento Juvenil Salesiano die „Vigilia Pascual” vorbereitet, eine Osternacht für junge Menschen. Es war ein schöner Abend mit Spiel, Spaß und gemeinsamen Gebeten.
Ich bin wirklich dankbar, wie Gott die Wege für mich geleitet hat und mir letztlich immer wieder Hoffnung, Kraft und Optimismus schenkt.
Emilia





