MaZ: „Ich habe mehr Vertrauen in mich selbst“

Lea lebt schon ein halbes Jahr in San Martín de Porres, Lima, Peru. Wenn sie darüber nachdenkt, kommt ihr das ziemlich verrückt vor. Gefühlt habe sie erst gestern ihre Koffer gepackt und sei voller Erwartungen, Vorfreude und Aufregung in ein neues Land aufgebrochen, schreibt sie. Jetzt ist schon Halbzeit und sie blickt zurück auf eine herausfordernde und zugleich schöne Zeit.

Als ich hier ankam, war nahezu alles neu, ungewohnt, überfordernd und teilweise auch befremdlich. Jeden Tag begegneten mir neue Eindrücke, Situationen und Herausforderungen, die mich verwundert, überrascht, manchmal auch gestresst oder sogar verängstigt haben. Jetzt, nach sechs Monaten, sind viele dieser Dinge, die mich anfangs irritiert haben, zu einem selbstverständlichen Teil meines Alltags geworden. Was mir früher ungewöhnlich erschien, gehört inzwischen ganz selbstverständlich zu meinem Leben hier. Und jeden Tag lerne ich weiter dazu – über mein Umfeld, über andere Lebensrealitäten und nicht zuletzt über mich selbst. Mein Blick auf mein Leben hier, aber auch auf diese Welt insgesamt, hat sich verändert.

In Lima lebe ich gemeinsam mit zwei weiteren Freiwilligen in einer Wohngemeinschaft. Unter uns wohnen unsere Vermieter*innen, die für uns inzwischen wie eine Gastfamilie geworden sind. An Sonntagen kochen oder malen wir gemeinsam, und auch Feiertage wie Weihnachten verbringen wir zusammen. Zu Beginn waren wir Freiwilligen noch zu viert. Leider musste uns eine Mitfreiwillige aus persönlichen Gründen vorzeitig verlassen. Ich denke, dass wir in den Seminaren auf Vieles vorbereitet wurden – aber darauf, wie es sich anfühlt, wenn jemand aus der Gruppe gehen muss, konnte uns Niemand vorbereiten. Ihr Abschied hat uns sehr getroffen und unseren Alltag, den wir uns über Monate aufgebaut hatten, stark verändert.

Für mich bedeutete das eine große Umstellung, da wir zuvor unglaublich viel Zeit miteinander verbracht hatten. Ein typischer Tag begann für uns damit, dass wir gemeinsam aufgestanden und joggen gegangen sind, dann haben wir gefrühstückt und sind zusammen zur Arbeit fahren, wieder zuhause haben wir getanzt, gekocht, gelacht und Vieles mehr. Joggen gehe ich inzwischen nur noch selten, da mir die freilaufenden Hunde Angst machen – vor allem, weil ich bereits gebissen wurde. Zur Arbeit fahre ich nun ebenfalls allein. Das war und ist nicht nur ungewohnt, sondern macht mir manchmal auch Angst. Gerade hier ist es in vielen Situationen einfacher und sicherer, nicht allein unterwegs zu sein. Dieses Gefühl von Sicherheit hat mir zunächst sehr gefehlt, und ich musste erst lernen, damit umzugehen. Nach und nach habe ich jedoch Strategien entwickelt und fühle mich Stück für Stück (oder poco a poco, wie man hier sagt) ein wenig sicherer. Und natürlich merke ich so auch besonders, wie sehr mich dieses halbe Jahr schon verändert hat. Dinge, die mir früher Angst gemacht haben, meistere ich heute selbstständig und mit mehr Vertrauen in mich selbst.

Die Abreise unserer Mitfreiwilligen hat unser Zusammenleben auch generell nachhaltig verändert. In den ersten Monaten haben wir fast alles gemeinsam unternommen, was zwar Halt gegeben hat, aber auch dazu führte, dass wir außerhalb unserer kleinen Gruppe kaum Anschluss fanden. Oft fühlte ich mich dadurch nicht wirklich integriert und ein wenig isoliert in unserer eigenen kleinen Blase. Das hat sich inzwischen geändert. Wir haben uns alle eigene Hobbys gesucht, und nach einigen Anlaufschwierigkeiten bei der Anmeldung habe ich mich schließlich in einem Schwimmverein anmelden können, in dem ich nun dreimal pro Woche trainiere. Dort konnte ich zum ersten Mal Kontakte außerhalb der Arbeit knüpfen und das mit Menschen in meinem Alter. Dieser Ausgleich zum Arbeitsalltag und der Kontakt zu Menschen aus unserem Viertel haben mir zuvor sehr gefehlt und geben mir nun viel Energie und Freude.

Ein weiterer wichtiger Ausgleich zum Alltag sind für mich die Besuche bei den Schwestern. Zwei von ihnen wohnen ganz in der Nähe. Wir überqueren nur den Markt und sind quasi schon da. Sie haben einen Garten voller Pflanzen und Leben, was in unserem Viertel wirklich eine Seltenheit ist. Gerade dort merke ich immer wieder, wie sehr ich die Natur und das viele Grün vermisse, das ich aus dem Münsterland kenne. In diesem Garten finden kleinere Treffen mit den Promodoras (Frauen, die die Organisation und die Frauenhäuser unterstützen) statt, bei denen gemeinsam gebetet und gesungen wird. Aber auch andere Begegnungen wie eine Pflanzentauschbörse oder einfach ein gemütliches Zusammensitzen bei Kaffee gehören dazu.

Seit Beginn meines Aufenthaltes arbeite ich zum einen im Policlínico – vergleichbar mit einem Ärztezentrum oder einer Hausarztpraxis – und zum anderen in einem der Casa de las Mujeres. Das Policlínico umfasst viele verschiedene Bereiche, darunter Zahnheilkunde, Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Radiologie, Psychologie, Gynäkologie, Physiotherapie sowie ein Labor und eine Apotheke. Dort unterstütze ich hauptsächlich den Zahnarzt bei kleineren Eingriffen, Zahnextraktionen, Prothesenanpassungen, Wurzelkanal- oder Kariesbehandlungen. Zahngesundheit ist hier ein großes Problem, da sich viele Menschen Behandlungen nicht leisten können und oft erst dann kommen, wenn die Zähne nicht mehr erhalten werden können. Nicht selten begegnen mir Patient*innen, die nur wenige Jahre älter sind als ich und bereits eine Vollprothese tragen – etwas, das mich in den ersten Wochen sehr schockiert hat. Gerade im Vergleich zu Deutschland wird mir hier täglich bewusst, wie privilegiert unser Zugang zu medizinischer Versorgung ist.

Ein weiterer Arbeitsbereich im Policlínico ist das Tópico, die erste Anlaufstelle für alle Patient*innen. Dort werden Vitalwerte gemessen, Größe und Gewicht erfasst, bei Bedarf Nähte entfernt, Medikamente intravenös oder intramuskulär verabreicht und Instrumente aufbereitet. Vor meinem MaZ-Jahr habe ich meine Ausbildung zur Anästhesietechnischen Assistentin abgeschlossen, weshalb mich die Arbeit im Policlínico besonders interessiert hat. Gerade diese Tätigkeit stellt mich jedoch immer wieder vor Herausforderungen, da hier Vieles anders gehandhabt wird, als ich es aus Deutschland kenne. Oft war ich frustriert, weil mein Spanisch nicht ausreichte, um meine Bedenken oder Vorschläge klar zu formulieren, jedoch wollte oder konnte ich bestimmte Dinge aber nicht guten Gewissens durchführen. Inzwischen habe ich mich ein Stück weit an die anderen Standards gewöhnt, auch wenn es weiterhin herausfordernd bleibt.

Mittlerweile ist hier der Sommer angekommen, etwas, das man sich bei den aktuellen Temperaturen in Deutschland vermutlich kaum vorstellen kann. Im Sommer und somit auch in den drei Monate langen Sommerferien finden für Schüler*innen und Studierende zahlreiche Ferienkurse statt, auch in unseren drei Casas de la Mujeres. In den ersten Monaten war ich im Casa de la Mujer vor allem im Büro tätig, inzwischen hat sich das glücklicherweise geändert. Derzeit bin ich zwar kaum noch im Policlínico, dafür gebe ich jeden Morgen Ballettunterricht für Gruppen unterschiedlichen Alters. Am Nachmittag unterrichte ich junge Erwachsene im Häkeln von Amigurumi und leite außerdem einen Kurs, in dem ich gemeinsam mit Kindern Salzteig herstelle und bemale – hier bekannt als masa orgánica.

Diese Sommerkurse verlangen mir einiges ab. Nicht nur ist die Vorbereitung sehr zeitaufwendig, es ist auch sehr heiß, und gerade beim Ballett komme ich an manchen Tagen sehr ins Schwitzen. Zum einen, weil es körperlich anstrengend ist, zum anderen, weil mir immer wieder spanische Wörter für eine genaue Erklärung fehlen. Trotz aller sprachlichen Hürden erlebe ich immer wieder, dass ein Lächeln oder Gesten oft mehr sagen als Worte und dies Kurse mir große Freude bereiten. Jedes Lächeln der Kinder, jede neu entstandene Freundschaft und jedes neu erlernte Können bestärken mich in meiner Arbeit. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, wirklich etwas Positives beitragen zu können – sei es, den Kindern etwas mit auf den Weg zu geben oder ihnen einfach einen schönen Sommer zu ermöglichen. Vielleicht werde ich einige dieser Kurse auch nach dem Sommer weiterführen, gleichzeitig wünsche ich mir aber, wieder mehr im Policlínico arbeiten zu können.

In den kommenden Wochen steht bereits das Zwischenseminar an. Ich bin sehr gespannt auf den Austausch, darauf, gemeinsam zurückzublicken und zu hören, was andere Freiwillige von ihren Projekten berichten werden.

Lea

Beim Arbeiten mit Salzteig
Lea gibt Balletunterricht
Typisches Essen in Peru
Lea bei den Schwestern
Malen macht Lea große Freude
Arbeit in der Zahnarztpraxis der Klinik