Als ich müde, mit Abschiedskummer in den Augenwinkeln und meinen viel zu schweren Koffern am Flughafen stand und mich mein allererster Langstreckenflug erwartete, konnte ich mir noch nicht ausmalen, was mich erwarten würde. Im Vorfeld meines Freiwilligendienstes musste ich einen Berg an To-Do’s erklimmen und war damit so sehr eingenommen, dass ich kaum realisiert habe, in Peru gelandet zu sein.
Nun ist das zwei Monate her. Zwei Monate klingen nicht nach viel Zeit, doch scheint die Zeit hier für mich ganz anders zu verstreichen, nämlich ganz langsam und ganz schnell gleichzeitig. Ich habe das Gefühl das Leben neu kennenzulernen. Wie verlasse ich das Haus? Wie bewege ich mich durch die Stadt? Habe ich Kopfhörer drin? Welche Tasche trage ich und wie? Wie mache ich den Menschen beim vorbeigehen Platz? Wie viel Street Food kann ich heute noch essen? Und antworte ich auf jedes „Cómo estás?“ (Wie geht es dir?) Und wie genau antworte ich darauf?
So wurde mein kleines Reise-Wörterbuch zu einer treuen Begleiterin und übersetzte mir viele wichtige Begriffe, die ich benötige, um an Gesprächen teilhaben zu können. Mein Arbeitsalltag teilt sich aktuell noch in Früh- und Spätschichten auf. Dadurch habe ich viel Abwechslung. Insgesamt arbeite ich in zwei sogenannten Frauenhäusern und begleite Sozialarbeiterinnen bei Hausbesuchen und unterstütze sie ebenfalls im Büro. Wir haben bereits bei mehreren Veranstaltungen mitanpacken dürfen. Darunter auch bei der Tombola im Frauenhaus Cerro Candela, wo nicht nur Lose gezogen, gegessen und getrunken wurde, sondern auch Haare geschnitten, Gesichtspflege angewandt und Second-Hand-Klamotten angeboten wurden. Wir hatten viel Spaß und haben sogar etwas Vegetarisches zu essen bekommen, was hier in San Martin de Porres doch schwierig ist.
Besonders gut finde ich die Hausbesuche, die sich allerdings oftmals vor der Haustür abspielen, da lerne ich sehr viel. Sie geben mir Anlass meine Privilegien zu reflektieren und mich zu fragen, wie ich ganz persönlich diese nutzen kann, um anderen zu helfen. Und im Zuge dessen purzelt immer wieder die Frage in meinen Kopf, ob das Fernbleiben von Demonstrationen nicht eher ein sich Ausruhen auf diesen Privilegien ist. Gleichzeitig weiß ich, dass eben jene Demonstrationen noch gefährlicher sind für Menschen, die sich nicht auskennen, die Sprache nicht genügend sprechen und nicht vernetzt sind.
Aus Deutschland trudeln immer wieder Nachrichten rein, in denen ich gefragt werde, ob ich denn nun gut angekommen sei. Doch was genau bedeutet Ankommen? Und welches Gefühl entsteht danach? Ich spreche immer besser Castellano, verstehe einige Arbeitsabläufe und kann Aufgaben erkennen, habe hier neue Orte entdecken können und schaffe es immer besser den schüchternen Marktverkäufer*innen ein Lächeln abzuringen. Ich weiß jetzt schon, dass mir Picarones (Donuts aus Kürbis und Süßkartoffel), die laute Musik in den Bussen und Straßen, Cachangas con queso (frittierter Teig gefüllt mit Käse), die Lebhaftigkeit dieser Stadt, das Obst, das Wetter, die wunderschönen Bäume und Chicha morada (Getränk aus lila Mais, Zimt und Zucker und nach Belieben Ananas, Limette und Feigenblättern) unserer Gastmutter Elena fehlen werden.
Es sind zwar nur zwei Monate vergangen, doch schon jetzt durfte ich mehr Eindrücke sammeln, als ich in meine zwei ohnehin zu vollen Koffer quetschen könnte.
Rabia