MaZ: Madrid im Alltag und darüber hinaus

Klara berichtet von ihrem Alltag in Madrid, der geprägt ist von Begegnungen, Musik und gelebter Vielfalt – ob beim gemeinsamen Singen mit dem Chor, in der Arbeit mit Frauen oder Senior*innen. Mit wachem Blick, viel Herz und Neugier entdeckt sie die Stadt, ihre Feste und die Menschen, die sie begleiten.

Klara beim Jugendkulturfestival.

Nun ist es bereits Sommer in Madrid und wie vorhergesagt, bringt die darauffolgende Hitze, die man wirklich nicht unterschätzen sollte, gewisse Herausforderung mit sich, wodurch der Alltag an die klimatischen Verhältnisse angepasst werden muss. Nichtsdestotrotz ist Madrid immer noch ein wunderbarer Ort zum Mitleben, Mitbeten und Mitarbeiten.

Manche Dinge haben mich in den vergangenen Monaten stetig begleitet. Die Woche wird immer noch sonntags mit dem Chor und der Messe mit den Schwestern gekrönt, wo ich nun auch immer öfter Cajón spiele und sich auch eine richtig schöne Gruppendynamik mit den Frauen entwickelt hat. Als Ostern vor der Tür stand, hat die Jugendgruppe der selben Kirche den Kreuzweg nachgestellt. Ich war Teil des Chores und wir verlasen der Reihe nach den Leidensweg Jesu, um diesen symbolisch in einer langen Prozession nachzustellen. Des Weiteren lernte ich die Kommunität der Steyler Brüder in Alcorcón besser kennen, die sich direkt neben der Gemeinde Virgen del Alba befindet. Auch wenn wir öfter bei den Schwestern sind als dort, ist es ein schönes Gefühl, auch Teil dieser Gemeinschaft und immer herzlich willkommen zu sein.

Weitere positive Entwicklungen kann ich auch in den Projekten feststellen. Im Frauenzentrum, dem Projekt der Schwestern, begleiten Corinna, meine Mit-MaZ, und ich nun immer öfter die wöchentlichen kulturellen Ausflüge, sodass wir mit den Frauen zum Beispiel schon im Planetarium waren oder eine Ausstellung zu „Alice im Wunderland“ im berühmten CaixaForum besucht haben. Zudem gab es zum Tag der Interkulturalität ein großes Fest, wo sich alle mit Spezialitäten aus ihrer Heimat beteiligt haben. Von Argentinien, Brasilien, Bolivien, Ecuador, Peru über Indonesien, Marokko und Deutschland hin zu Spanien war alles dabei. Jedes Gericht und seine Herkunft wurden erst vorgestellt und dann probiert, bevor die Tanzfläche eröffnet wurde. Es war eine wirklich schöne Art und Weise Gemeinschaft und Vielfalt zu feiern, die uns alle ein Stück nähergebracht hat.

Auch in CEDIA, einem Tages- und Nachtzentrum für Menschen ohne festen Wohnsitz, fühle ich mich immer mehr Teil des Teams und verbringe sehr gerne Zeit mit den Leuten dort. Mir haben vor allem die Weiterbildungen von Cáritas geholfen, mehr über aktives Zuhören und meine Rolle und Möglichkeiten als Freiwillige zu lernen, wodurch ich mich viel sicherer fühle, die Männer und Frauen im Gespräch zu begleiten. In beiden Zentren, die Männer und Frauen verbringen die Nacht an unterschiedlichen Orten, helfe ich bei der Vorbereitung des Abendbrotes und man kommt zum Beispiel vorher oder wenn wir gemeinsam den Tisch decken ins Gespräch. Auch gibt es oft verschiedene Angeboten nach dem Abendbrot, um sich gegenseitig besser kennenzulernen und Zeit miteinander zu verbringen: Spieleabende, wo wir Kahoot oder Brettspiele spielen, Filmabende oder einfach einen Gesprächsraum zum gegenseitigen Austausch.

Darüber hinaus bin ich auch in einer Residenz für ältere Menschen. Am Anfang dauerte es ein wenig länger, dort im Alltag richtig anzukommen und meinen Platz zu finden, doch der Aufwand hat sich auf jeden Fall gelohnt. Nun ist es eine erfüllende Routine, die Senior*innen zum und vom Frühstück zu begleiten, anschließend mit ihnen Spiele zu spielen, zu puzzeln oder sie zu den verschiedenen Workshops zu begleiten. Es gibt zum Beispiel Handarbeit, wo genäht, gehäkelt und gestrickt wird oder sie können Literatur und Kultur näher kennenlernen, indem Kurzgeschichten vorgelesen oder zarzuelas, typisch spanisches Musiktheater, oder besondere Konzerte gezeigt werden. Zum Fest des Stadtpatron San Isidro Labrador kam auch einmal eine Gruppe von chulapas und chulapos, Tänzer*innen in der traditionellen Tracht Madrids, um den chotis, den dazugehörigen traditionellen Tanz zu präsentieren. Gegen Mittag gibt es dann meist erst eine Einheit Gruppensport, bevor es zum Mittagessen geht. Zudem helfe ich der Physiotherapeutin bei einzelner Mobilisierung entsprechender Residierender, wodurch ich viel über den physischen Alterungsprozess und die Erhaltung körperlicher Fähigkeiten lerne. Dies trifft auch zu, wenn ich anschließend die Therapeutin bei der Musiktherapie begleite. Das macht immer ganz besonders viel Spaß, weil wir mit den Senior*innen zusammen tanzen und singen zu deren altbekannten Klassikern, die für mich am Anfang alle neu und ungewohnt waren, doch nun auch fast alle auswendig mitsingen kann. Manchmal setze ich mich danach noch ans Klavier und wer möchte, kommt einfach dazu zum Zuhören. Neben den alltäglichen Abläufen in der Residenz gibt es ab und zu auch Ausflüge. Im Bus liegt dann immer angeregte Klassenfahrtatmosphäre in der Luft. Wir sind zum Beispiel zu einer Museumsausstellung zu altmodischen Spielzeugen gefahren, die den Senior*innen eine Zeitreise in ihre Jugend ermöglichte oder haben einen Spaziergang im Grünen entlang des Manzanares, dem Fluss Madrids, gemacht und anschließend, die Residierenden, deren Familien und das Team der Residenz, zusammen gegessen. Diese gemeinsamen Erfahrungen machen anschließende Feste wie zum Tag der Familie, wo die ganze Residenz, Residierende, Angehörige, Angestellte und Freiwillige zusammenkommen, zu einem ganz besonderen Ereignis. An jenem Sonntag haben wir im Garten der Residenz zusammen die Messe gefeiert und anschließend gemeinsam gegessen, getanzt und es kamen spannende Konversationen zustande.

Ganz besondere Erfahrungen kann man auch an anderen Orten Madrids machen. Die Kommunität Madrid veranstaltet viele sehenswerte Stadtfeste, wo in verschiedenen Vierteln öffentliche Konzerte und Tanzvorführungen stattfinden wie zum Tag der Kommunität Madrid oder die Festwoche zum Día de la Virgen del Carmen. Auch gibt es jeden Sommer ein kleines Jugendkulturfestival, an dem sich Künstler unter fünfundzwanzig Jahren sich und ihre Werke vorstellen können. Kunst, Musik, Tanz, aber auch verschiedene Stände zur Aufklärung über Europa und die EU, das Leben und seine Hürden von Menschen mit besonderen Einschränkungen und die Thematisierung von geschlechtsspezifischer Gewalt finden dort Platz. Auch kann man Upcycling und artistische Künste des Zirkus ausprobieren. Diese Veranstaltung regt Besuchende dazu an, selbst künstlerisch aktiv zu werden und sich mit der Welt, in der wir leben, auseinanderzusetzen.

Doch die wohl größte und bekannteste Madrider Festveranstaltung im Jahr findet in der Woche um den fünfzehnten Mai statt, in der der Stadtpatron San Isidro Labrador gefeiert wird. Zentrum der Festivität ist die Pradera de San Isidro, ein Park mit genug Platz für Konzertbühnen, Essensmeile, einen Attraktionspark und sehr viele Menschen. Traditionen sind zum einen rosquillas, ein an sich eher trockenes Gebäck, das die Form eines Donuts hat und manchmal von Zucker oder einem geschmackvollen Zuckerguss überzogen ist. Zum anderen werden Paraden der bereits erwähnten chulapas und chulapos und derer gigantischen oder mit Großmasken verkleideten Imitationen in der traditionellen Madrider Tracht veranstaltet und traditionelle Tänze der Region aufgeführt, die definitiv einen Besuch wert sind.

Nach also fast einem Jahr in Madrid kann man sagen, dass diese Stadt einen immer noch überraschen und man hier an den verschiedensten Orten von den vielfältigsten Leuten sehr viel lernen kann.

Klara

Ausflug vom Frauenzentrum ins Caixa Forum.
Corinna (rechts) und Klara (links) bei einer Parade zu San Isidro.
Chor in Santa Cruz.
Spieleabend in CEDIA mujer.
Tag der Interkulturalität im Frauenzentrum.