Anna mit Sr. Malgarete und Padre Alfredinho, einem Schriftsteller, auf der Demonstration zum brasilianischen Unabhängigkeitstag

MaZ: „Pouco a pouco“

Anfang August ist Anna in São Paulo angekommen und lebt seitdem als MaZ-Freiwillige im Viertel Brás. In ihrem Rundbrief erzählt sie, wie aus neuen Wörtern, Gesichtern und Wegen nach und nach Alltag werden, vom Centro de Integração do Migrante und von einem Wochenende zwischen Comunidade, Demonstration und Forró.

„Pouco a pouco", nach und nach. Sr. Malgarete meinte das früh zu mir, und inzwischen habe ich es verinnerlicht. Anfang August bin ich in São Paulo angekommen, es sind schon fast zwei Monate vergangen und inzwischen fühle ich mich hier immer mehr zuhause. Ich wohne in einer Wohnung im selben Gebäude wie die Schwestern, und in zwei Wochen zieht Cati als weitere MaZ-Freiwillige bei mir ein.

Die ersten vier Wochen habe ich viel Portugiesisch gelernt. Vormittags ging ich zum Sprachkurs, nachmittags ins CIM, wo ich vor allem zugeschaut, zugehört und mitgemacht habe. Schon in der ersten Woche durfte ich Sr. Malgarete beim Einkaufen begleiten, eine Art Vokabeltraining mit Einkaufswagen. Fettnäpfchen gehörten natürlich dazu: Der Verkäufer in der Bäckerei schaute mich bei meiner Brötchenbestellung sehr schräg an (pão ist nicht gleich pau, ein wichtiger Unterschied). Und ich weiß jetzt, dass abacate die Avocado ist und abacaxi die Ananas. Dafür fand ich Supermarkt, Bank und Kirche schnell ohne Umweg.

Das CIM, das Centro de Integração do Migrante, ist mein Einsatzort. Der Weg dorthin ist der leichteste von allen, denn es liegt direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Es steht im Brás, einem Stadtteil, der vor allem für seine Textilgeschäfte bekannt ist. Hier leben besonders viele Migrant*innen aus Lateinamerika, in meinem Teil des Viertels vor allem Menschen aus Bolivien, und auch ins CIM kommen hauptsächlich Bolivianer*innen. Gegründet wurde es im Dezember 2015 von den Missionárias SSpS, es wird also bald elf Jahre alt. Das Projekt richtet sich an Migrant*innen, vor allem an Frauen, und bietet Sprach-, Informatik-, Tanz-, Schmink- und Kochkurse, Hilfe mit Dokumenten, Kinderbetreuung, einen Kleidungsbasar und vieles mehr. Was mir daran besonders gefällt: Es ist flexibel und findig darin, aus den Ressourcen, die da sind oder sich finden, Möglichkeiten und Gemeinschaft zu machen.
Diese Angebote nutze ich auch selbst: Ich besuche viele Kurse, z.B: den Portugiesischkurs, sowie Back- und Kochkurse und lerne von einer Gruppe junger Frauen bolivianische Tänze.

Während ich mich im Alltag des CIM gefragt habe, was denn meine Aufgabe sein würde, habe ich Stück für Stück angefangen, mitzuhelfen wo ich kann: Einkäufe tragen und verstauen, spülen, beim Lanche (Snack) der Kinder unterstützen. Gleichzeitig habe ich jede Gelegenheit genutzt, um ins Gespräch kommen.

Vor zwei Wochen durfte ich selbst meinen ersten Kurs geben: Für ein Fest im CIM hatte ich einen Apfelstreuselkuchen gebacken, und Edna, die Lehrerin eines Kochkurses, fragte, ob ich ihn nicht auch bei ihr im Kurs backen wolle. Hier heißt er Cuca de Maçã, und das Wort Cuca soll vom deutschen „Kuchen" kommen. Am Unabhängigkeitstag nahm mich Malgarete außerdem auf meine erste Demonstration mit, es ging darum, Aufmerksamkeit für die Armut vieler Brasilianerinnen und Brasilianer zu schaffen.

Die Schwestern Amália, Alainhe und Malgarete haben mir schon viel gezeigt: sehr leckeres Essen aus Pará und Peru, japanisches Essen (São Paulo hat eine große japanische Gemeinde, das schmeckt man), einen sehr brasilianischen Film, Minha Melhor Amiga, im Kino, verschiedene Gottesdienste und haben mir viele liebe Menschen vorgestellt. Das Beten mit ihnen schätze ich als Raum zum Nachdenken, am meisten gefällt mir aber ihre Herzlichkeit und Offenheit.

Seit letzter Woche gebe ich Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren Englischunterricht, und das macht mir sehr viel Spaß. Für die 5- bis 10-Jährigen gibt es im CIM eine Tagesbetreuung und viele Angebote, für die Älteren bisher wenig. Deshalb darf ich in Zukunft mehr mit ihnen arbeiten: Englisch, zu Festen basteln und nähen, Karten spielen, vielleicht kleine Ausflüge. Mit den Jüngeren habe ich zusammen mit Irmã Alainhe schon Lesezeichen gebastelt und getanzt, und einmal pro Woche mache ich mit ihnen Sport oder Bastelangebote. Samstags arbeite ich im Basar de Caridade, abends ist es an einigen Tagen meine Aufgabe, die Kursteilnehmenden zu begrüßen. Ich habe viel Freiheit, das anzubieten, was ich möchte, und darf gleichzeitig an allen Kursen des CIM teilnehmen.

Dann kam das vergangene Wochenende. Mit Freiwilligen, die aus anderen Städten Brasiliens zu Besuch waren, waren wir in einer Comunidade, wie die Favelas hier genannt werden. Sr. Malgarete kennt in der Communidade einige Menschen, da sie früher dort gearbeitet hat. Solche Gemeinschaften sind in São Paulo häufig, und viele Menschen dort haben es schwer, vor allem gesundheitlich, eine Bekannte von Malgarete hat einen Finger und ein Auge verloren und hat den Kampf gegen Krebs gewonnen. Ich habe kleine Kinder zwischen den Häusern gesehen, und wir durften uns auch eine Wohnung anschauen, um besser zu verstehen, wie die Menschen dort leben. Am nächsten Tag ging es auf meine zweite Demonstration, diesmal am internationalen Tag der Migrant*innen, bei dem es darum geht, Migrant*innen in Brasilien zu feiern. Nach dem Gottesdienst mit den Migrant*innen gab es kleine Aufführungen, wir aßen alle zusammen, und dann wurde getanzt. Mir wurde Forró beigebracht, mit mittelmäßigem Erfolg.

Ganz ohne Stolpern ging es nicht. Ich durfte so viel erleben und wusste gleichzeitig nicht so genau, was ich zurückgeben kann, und ein paar bürokratische Probleme hätte ich am liebsten sofort gelöst. Inzwischen sehe ich das entspannter: Manche Antworten kommen von selbst, und ich muss nicht alles sofort verstehen. Die Routine kommt langsam dazu, und Ausgleich gibt mir zum Beispiel Yoga in der Academia (so heißt hier das Fitnessstudio).

Am 04. Oktober wird in Brasilien gewählt, und in der Stadt hört und spürt man, dass die Stimmung angespannt ist. Ich freue mich auf Cati in zwei Wochen und auf alles, was in den nächsten Monaten noch kommt. Bis dahin sage ich mir weiter: pouco a pouco und euch: bis zum nächsten Rundbrief.

Anna