Lisa mit den Bäckerinnen vom Backkurs beim Jubiläum

MaZ: Vom Ankommen zum Wohlfühlen

Lisa ist eine von vier MaZ-Freiwilligen in Peru. In ihrem ersten Rundbrief blickt sie auf die drei Monate seit ihrer Ankunft zurück und gibt einen Einblick in ihre verschiedenen Aufgabenbereiche.

Hola, ¿cómo estás? Und liebe sonnige Grüße aus Lima, Peru. Nun bin ich hier in Peru, zusammen mit meinen drei Mitfreiwilligen, schon seit drei Monaten und die Zeit vergeht schneller als gedacht. Genauso schnell wie die Sonne, die hier wirklich manchmal im Rekordtempo untergeht. Tatsächlich ist es hier schon um 18 Uhr dunkel und der Sonnenuntergang dauert nur etwa 20 bis 30 Minuten. Er zieht sich nicht wie in Deutschland über eine Stunde hin. Daran muss ich mich noch ein wenig gewöhnen, weil ich oft erst zwischen 18:00 und 18:20 Uhr mit der Arbeit fertig bin.

Es gibt so viele Dinge, die hier anders sind als in Deutschland: die Infrastruktur, die Häuser, die Menschen, das Essen, die Verhaltensweisen, die Gerüche, die Einkaufsläden, die unausgesprochenen Regeln, und, und, und… Nun ist die Frage: Womit fange ich bloß an?

Ich wohne mit den anderen drei Freiwilligen in einer WG, die von einer Familie vermietet wird, die unter uns lebt und immer für uns da ist, wenn wir etwas brauchen. Sonntags essen wir gerne mit der Familie zusammen. Wir wohnen in einem eher armen Viertel in Lima, in San Martín de Porres, genauer gesagt in Vipol. Der Markt ist nur wenige Minuten von unserer Wohnung entfernt, und dort kaufen wir regelmäßig frisch ein, so wie die Einheimischen es auch tun. Ich weiß jetzt schon, dass ich das Marktleben vermissen werde, wenn ich wieder in Deutschland bin. Dinge, die ich neu für mich entdeckt habe und liebe, sind Yuca, Granadilla, gelbe Drachenfrucht, Picarones, Cachanga und Chicha Morada.


Einige Straßen hier bestehen nur aus Sand. Dadurch entsteht sehr viel Staub, der in die Häuser weht und sich auf den Bürgersteigen absetzt. Deshalb wird hier oft gekehrt, teilweise sogar der Gehweg.

Was ein alltägliches Abenteuer ist, sind die Busfahrten. Es gibt normale Busse, aber auch die sogenannten Combibusse. Das sind Kleinbusse oder Vans mit 10 bis 20 Sitzplätzen. Meistens sind es improvisierte Karren, bei denen man manchmal denkt, sie könnten beim nächsten Huckel auseinanderfallen. Zum Glück ist das bisher noch nicht passiert. Die Busse haben feste Routen, und man stellt sich einfach irgendwo an den Straßenrand und streckt die Hand aus, wenn man einsteigen möchte. Beim Aussteigen läuft es genauso: Man sagt Bescheid, wo man raus möchte, oder ruft laut „baja“. Es gibt zwar Stellen, an denen man gut ein- und aussteigen kann, aber richtige Haltestellen gibt es nur selten.

Dazu kommen die „cobradores“, die mit Münzen klackern, um zu signalisieren, dass man bei ihnen bezahlt. Manche Fahrer wissen inzwischen sogar schon, wo wir aussteigen und dass wir Freiwillige aus Deutschland sind. Jedes Jahr kommen schließlich neue.
Die Verkehrsordnung wirkt hier ein bisschen wirr. Es wird sehr viel gehupt, und wenn jemand zu langsam fährt, wird auch gerne mal für längere Zeit die Fahrbahnseite gewechselt, auch wenn dort eigentlich Gegenverkehr fährt.

Mein Arbeitsplan ist derzeit kunterbunt, denn ich bin im Moment an vier verschiedenen Arbeitsstellen eingeteilt. Zweimal die Woche bin ich morgens im Kindergarten, an zwei weiteren Tagen in der Schule bei den Psychologinnen, einmal morgens im „Policlínico“, bei der Psychologin und jeden Nachmittag im Frauenhaus in Tres de Mayo. In San Martín de Porres gibt es drei verschiedene Frauenhäuser der Misericordia de Jesús.

Der Kindergarten hat ungefähr 23 Kinder und richtet sich an Familien oder alleinerziehende Eltern mit wenig Geld. Dort empfange ich die Kinder, spiele mit ihnen, wir basteln zusammen, ich helfe beim Putzen, beim Frühstücken und auch mal beim Streitschlichten. Oft komme ich müde nach Hause, aber die süßen Gesichter der Kinder, wenn sie mich „Miss Lisa“ nennen und mich anlachen, machen alles wieder gut.
Ein Kind nennt die Erzieherinnen und mich auch gerne mal Mama. Er ist allerdings erst drei Jahre alt und hat noch ein kleines Vokabular. Wenn er mit anderen streitet, zeigt er nur auf jemanden und sagt „él“. Generell ist es etwas schwer, die Kinder sprachlich und akustisch zu verstehen, und ich stelle es mir noch viel schwieriger vor, wenn man die Sprache gerade erst neu lernt. Ab dem Zeitpunkt, wo ich die Kinder problemlos verstehe, kann ich offiziell, als Peruanerin durchgehen.

Ab und zu schauen sie auch mal Fernsehen, um etwas zu lernen oder um zu singen und zu tanzen, manchmal aber auch einfach nur so. In deutschen Kindergärten habe ich das so bisher noch nicht gesehen, aber hier scheint das ganz normal zu sein.

In der Schule, wo Grundschule und Sekundarstufe zusammen sind, sitze ich im Büro mit zwei Psychologinnen und einem Psychologen. Dazu kommen noch drei peruanische Freiwillige, die Psychologie studieren und für ihre Berufserfahrung dort arbeiten.
Ich bereite dort meistens etwas für die Kurse vor oder bastle Materialien, zum Beispiel für Präventionsstunden oder Aufklärungsarbeit. Die Schule hat leider viele Probleme. Dafür können die Schüler*innen ins Büro kommen, wenn sie etwas belastet, oder sie werden dorthin geschickt, wenn sie Schwierigkeiten haben oder machen. Ich bin in die Gespräche nicht involviert, darf aber im Raum bleiben und am anderen Tisch weiterarbeiten. Die Privatsphäre ist hier anders geregelt, und die Tür muss immer offenbleiben, das dient dem Schutz der Kinder und Jugendlichen.

Es gibt klare Regeln an der Schule: keine Schminke, keine eingeschalteten Handys und Schuluniformen sind Pflicht. Entweder ein Jogginganzug oder ein Hemd mit Rock für die Mädchen. Zu den Problemen, die ich mitbekommen habe, gehören Gewaltvorfälle von Jungen gegenüber Mädchen, da hier das Macho-Bild stärker ausgeprägt ist. Auch werden öfter unterschiedliche Drogen mit in die Schule gebracht, es gibt Mobbing oder es wird das Handy heimlich eingeschaltet.

Ich habe erlebt, dass einige Kinder mit emotionalen Belastungen kämpfen. Das hat mir gezeigt, wie wichtig sichere Beziehungen und verlässliche Betreuung sind.

Bei der Psychologin im Policlínico läuft es nochmal etwas anders. Sie therapiert alle Altersgruppen, aber hauptsächlich kommen Kinder. Dort betreue ich die Kinder mit, helfe bei Aufgaben wie Karten zeigen, Übungen zur Konzentration oder bei der Sprachförderung. Viele der Kinder haben eine Form von Autismus, lernen langsamer und wissen oft nicht, wie sie mit ihren Emotionen umgehen sollen. Vorher hatte ich kaum Kontakt zu Menschen mit Autismus und kannte nur das typische Bild aus den Medien. Hier habe ich gelernt, wie unterschiedlich Autismus aussehen kann und wie sehr er Lernen und Wahrnehmung beeinflussen kann.

Eine Patientin, die vier Jahre alt ist, ist so stark betroffen, dass ihre Motorik und Sprache eingeschränkt sind. Sie ist sehr in ihrer eigenen Welt und braucht viele visuelle Reize, um überhaupt aufmerksam zu werden. Bei Gesprächen mit Erwachsenen oder Jugendlichen wird vorher gefragt, ob es für sie in Ordnung ist, dass ich dabei bin. Bisher durfte ich immer bleiben, sitze aber hinter ihnen und bekomme andere Aufgaben wie Basteln oder Sortieren.

Im Frauenhaus in Tres de Mayo, wofür ich einen wirklich steilen Berg hochlaufen muss, sehen meine Aufgaben wieder anders aus. Dort bastle ich zwar auch ab und zu, aber hauptsächlich arbeite ich am PC, erstelle Flyer für die Talleres (= Kurse) oder arbeite mit Excellisten.

Das Frauenhaus ist nicht wie in Deutschland. Hier werden Weiterbildungen und Freizeitkurse angeboten, unter anderem Tanzen, Massage, Podologie, Computerunterricht, Haareschneiden, Häkeln, Backen und Nähen. Die Chefin ist eine sehr herzliche Frau, die jedem das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Sie hat dort 16 Jahre lang gearbeitet, ohne dafür bezahlt zu werden, und bekommt erst seit Kurzem Geld für ihre Arbeit. Die anderen Frauen arbeiten weiterhin freiwillig. Das bewundere ich sehr, denn sie haben selbst nicht viel, möchten aber anderen Frauen eine Beschäftigung und Unterstützung bieten. Die Kursleiter*innen werden jedoch bezahlt.

Neben der Arbeit habe ich mich inzwischen gut eingelebt. Ich habe sowohl arme als auch reiche Viertel gesehen: von Garagentoren bis zu Hochhäusern. In den reichen Vierteln spürt man den spanischen Einfluss deutlicher, und es wird mehr Wert auf das gepflegte Stadtbild gelegt. In den ärmeren Vierteln gibt es auch in jeder Ecke Tiere, die auf den Straßen leben.

Was aber in jedem Viertel gleich bleibt, ist die Liebe der Peruaner*innen zum Tanzen. Von Salsa bis Marinera, einem traditionellen Tanz, bei dem Frauen mit einem weißen Tuch wedeln. Hier wird einfach sehr viel getanzt, und gefühlt kann jeder gut tanzen. In den Schulen wird auch schon von klein auf eine Art Tanzunterricht gegeben. Hier wird außerdem jede Kleinigkeit gefeiert und jedes Jubiläum groß angekündigt. Und die Peruaner*innen teilen unglaublich gerne ihr Essen und freuen sich riesig, wenn sie für jemanden kochen können.

Es kommen noch ungefähr acht weitere Monate auf mich zu, auf die ich mich jetzt schon sehr freue.

Lisa