Gemeinsam unterwegs: (v.l.) Joe, Lisa, Lea und Daniela.

MaZ: Zwischen Alltag, Begegnungen und politischem Umbruch

Seit knapp zwei Monaten lebt Joe nun in Peru – zusammen mit Lisa, Lea und Rabia. Diese Zeit war bisher intensiv, aufregend, manchmal anstrengend, aber vor allem unglaublich lehrreich. Davon berichtet sie in ihrem ersten Rundbrief.

Ankommen und Einleben
Das Ankommen war ein kleiner Kulturschock. Nicht im negativen Sinne, aber alles ist anders: die Geräusche auf der Straße, das Essen, das Klima. Wir wohnen gemeinsam in einer Wohnung über unseren Vermieter*innen, die uns herzlich aufgenommen haben. Sie haben uns drei – Rabia ist erst etwas später angekommen – vom Flughafen abgeholt, und wir haben mit ihnen zusammen zu Abend gegessen. Zu unserer ersten Mahlzeit in Peru durfte natürlich auch nicht Inkacola fehlen. Der nächste Kulturschock: Inkacola ist gelb-goldene Cola, traditionell peruanisch und sehr süß!

Eine der ersten Herausforderungen war tatsächlich das Kochen. Da wir alle vegetarisch oder vegan leben, müssen wir kreativ werden. In Peru gehört Fleisch – insbesondere pollo, also Huhn – fast zu jedem Gericht. Gemüsegerichte ohne Fleisch sind eher ungewöhnlich, und anfangs wurde ich oft gefragt, wie ich „ohne Huhn“ überhaupt satt werde. Doch nach und nach lernt man, so zu kochen, dass es nicht zu Deutsch und teuer und trotzdem sättigend wird. Aktuell enthalten die Gerichte viel Reis und Gemüse sowie Quinoa oder Soja, um genügend Proteine zu bekommen. Vieles, besonders das Gemüse, können wir auf lokalen Märkten in der Nähe kaufen. Auch die Früchte auf dem Markt hier sind ein Traum.

Zwischen Arbeitsalltag und politischem Umbruch
Am Montag, an unserem ersten Tag nach der Ankunft, haben wir von den Promodores eine Rundführung in die Einsatzstellen bekommen. Am darauffolgenden Tag haben wir unsere Arbeitspläne erstellt und einen Nachmittag freibekommen. Das hat sehr gut getan – wir hatten endlich die Möglichkeit, richtig anzukommen und unsere Zimmer ein bisschen einzurichten. Und am Mittwoch ging die Arbeit los.

Ich arbeite in drei verschiedenen Projekten: im Frauenhaus, in La Olla Común – einer Suppenküche – und in einer Poliklinik. Die Aufgaben sind sehr unterschiedlich, aber sie geben mir Einblicke in unterschiedliche Lebensrealitäten. Das Frauenhaus, in dem ich arbeite, bietet Kurse an, in denen (überwiegend) Frauen Kochen, Massagen oder beispielsweise Computerarbeiten erlernen. Es gibt immer wieder Events, wie eine Tombola oder einen Flohmarkt. Und im Sommer werden auch Kurse und Kinderbetreuung angeboten. In La Olla Común helfe ich bei der Zubereitung und Ausgabe von Mahlzeiten an Menschen. Besonders dort bekomme ich Einblicke in komplett andere Lebenssituationen und sehe, in welch schlechten Bedingungen Menschen dort leben müssen. In der Poliklinik unterstütze ich beim Zahnarzt oder im Topico - dort werden die Patient*innen gewogen, der Puls und Temperatur werden gemessen und das Gewicht aufgeschrieben.

Am Anfang hatte ich oft das Gefühl, nicht wirklich gebraucht zu werden. Vieles war neu, ich konnte mich sprachlich kaum verständigen. Doch mit der Zeit wurde es besser. Mein Spanisch ist inzwischen etwas sicherer, und wir werden aktiver eingebunden. Mittlerweile kann ich mehr helfen und übernehme Computeraufgaben im Frauenhaus oder filme Videos für ihren TikTok-Account. Auch in La Olla Común konnte ich schnell mehr mithelfen und Aufgaben wie Schnippeln, Braten und natürlich Spülen übernehmen. Die Menschen in den Einsatzstellen sind überwiegend sehr geduldig – wenn ich ein Wort nicht kenne, werden so lange Synonyme benutzt, bis eins dabei ist, das ich kenne! „No te preocupes“ (Mach dir keine Sorgen) war einer der ersten Sätze, die ich vor Ort gelernt habe.

Der Alltag ist durch meinen Arbeitsplan gut strukturiert und bunt: morgens zusammen frühstücken (meistens), den Bus zur Einsatzstelle nehmen (die hier nie wirklich pünktlich sind), arbeiten, einkaufen, kochen, Spanisch Nachhilfe mit der Tochter unserer Vermieter*innen, abends gemeinsam zusammensitzen und manchmal noch einen Film auf Spanisch schauen. Auch ein Dance-Workout darf ab und zu nicht fehlen.

Ein Ereignis der letzten Woche hat mich besonders beschäftigt: In Lima fuhren letzten Montag und Dienstag keine Busse. Ich bin dann zu Fuß morgens zur Arbeit gelaufen, weil es keine andere Möglichkeit gab. Wir sind nachmittags zu Hause geblieben, weil es – abgesehen von den erschwerten Bedingungen zur Arbeit zu kommen – zu gefährlich sei. Später erfuhren wir dann, dass die Busfahrerinnen streikten. Immer wieder werden sie Opfer von Erpressungen durch kriminelle Banden, die Geld fordern und im schlimmsten Fall mit Gewalt drohen. Allein 2025 wurden laut Medien über 60 Fahrer*innen ermordet. Diese Gewalt zeigt, wie tief die Unsicherheit im Land reicht.

Im vergangenen Monat hat sich die politische Lage in Peru dramatisch zugespitzt. Am 10. Oktober 2025 wurde Präsidentin Dina Boluarte vom Kongress wegen „dauerhafter moralischer Unfähigkeit“ abgesetzt. Ihre Entlassung folgte auf monatelange Proteste, einen massiven Vertrauensverlust und eine eskalierende Sicherheitskrise im Land. Boluarte war seit Monaten eine der unbeliebtesten Politiker*innen des Landes – ihre Zustimmungswerte lagen zuletzt bei nur rund fünf Prozent. Der Kongresspräsident José Jerí wurde unmittelbar nach der Abstimmung als Übergangspräsident vereidigt und soll das Land bis zu den regulären Wahlen im April 2026 führen.

Die Absetzung war das Ergebnis eines tiefen politischen und gesellschaftlichen Unmuts. Bereits in den Wochen davor hatten sich in mehreren Regionen große Proteste und Straßenblockaden gebildet, die sich gegen Korruption, steigende Gewalt und wirtschaftliche Unsicherheit richteten. In Lima kam es zu landesweiten Demonstrationen, ausgelöst unter anderem durch einen aufsehenerregenden Schusswechsel bei einem Konzert der beliebten Band Agua Marina, der die öffentliche Debatte über die Zunahme der Kriminalität weiter befeuerte. Besonders aktiv war die Generación Z, eine Bewegung junger Peruaner*innen, die politische Reformen, mehr Sicherheit und den Rücktritt der Regierung forderten.

Parallel dazu legten auch Gewerkschaften und Berufsgruppen durch Streiks weite Teile des öffentlichen Lebens lahm. Der landesweite EsSalud-Streik im Gesundheitswesen sorgte über Wochen für Chaos in Krankenhäusern, während Transportverbände für Mitte Oktober einen nationalen Streik ankündigten, um auf ausufernde Erpressungen und mangelnde Sicherheitsmaßnahmen aufmerksam zu machen. In mehreren Regionen, darunter Cajamarca und La Libertad, kam es zu regionalen Paros (Generalstreiks), bei denen Bauernorganisationen, Bürgermeister*innen und Gemeindeverbände gegen die Vernachlässigung der ländlichen Infrastruktur protestierten.

Diese Ereignisse verdeutlichen, dass die Absetzung von Boluarte nicht das Ende, sondern eher ein Symptom der tiefen politischen Krise Perus ist. Die Bevölkerung fordert strukturelle Veränderungen – mehr Sicherheit, weniger Korruption und eine Regierung, die endlich auf soziale Probleme reagiert. Ob Übergangspräsident José Jerí das Vertrauen der Menschen wiederherstellen kann, bleibt ungewiss. Aktuell sind wir von den Spannungen im Land nur wenig betroffen: Trotz Streiks – zu Demonstrationen und Verkehrsblockaden kommt es in diesem Stadtviertel selten – können wir unserem Arbeitsalltag meist normal nachgehen.

Rückblick und Ausblick
Nach zwei Monaten kann ich sagen: Mir gefällt es in Lima sehr, es ist eine sehr vielseitige Stadt. Es gibt Tage, an denen ich müde bin – vom Lärm, Geruch, den vielen neuen Eindrücken oder von der Sprachbarriere. Aber dann gibt es die anderen Tage: wenn ich auf Spanisch ein gutes Gespräch führe, neue peruanische Ausdrücke lerne oder einfach merke, dass ich hier angekommen bin. Ich weiß, dass noch viele Herausforderungen auf mich warten, aber ich freue mich darauf. Denn mit jedem Tag verstehe ich ein bisschen besser, was es bedeutet, wirklich in einem anderen Land zu leben – nicht nur als Gast, sondern als Teil einer Gemeinschaft.

Joe