MaZ: Zwischen Abschied und Neubeginn

Nachdem Rabia endlich das Gefühl hatte, angekommen zu sein, wird ihr bewusst, wie wenig Zeit ihr in Peru noch bleibt. Zwischen schmerzhaften Abschieden und spannenden neuen Aufgaben lernt sie, im Moment zu leben und die Zeit bewusst zu genießen.

Die Olla (Suppenküche) in Cerro Candela.

Ist es nicht irgendwie unfair, wie schnell die Zeit vergeht, sobald man angekommen ist? Nachdem ich mich immer wieder gefragt habe, wann ich denn wirklich in Peru ankommen würde, geschah es wie aus dem Nichts – von heute auf morgen. Ganz unerwartet und vor allem unverhofft, nach dem nun zweiten Abschied einer Mifreiwilligen.

Jetzt bin ich angekommen und meine Countdown-App zeigt mir an, dass mir keine 100 Tage mehr in Peru bleiben. Wie gerne würde ich noch öfter den belebten Markt besuchen oder mit meiner 65-jährigen Englischschülerin ihre Lernerfolge feiern. Wie gerne würde ich noch öfter am Meer sitzen oder Mangos ohne lange Transportwege, dafür voller Geschmack, genießen. Doch versuche ich, mich nicht von diesen Abschiedsgedanken mitreißen zu lassen. Ich möchte im Moment bleiben. Den Moment genießen. Dieser Moment war ganz schwer und fast schon greifbar, als mir nun bereits die zweite Mitfreiwillige mitteilte, dass ihre Zeit mit uns in Peru nun leider enden müsse. Ich lag krank im Bett und sie kam von einem Kunstflohmarkt, den wir ursprünglich gemeinsam besuchen wollten.

Als sie zurück nach Hause kam und mein Zimmer betrat, wusste ich bereits, dass sich etwas verändert hatte – und dem war auch so. Meine Gedanken überschlugen sich und ich fragte mich, ob es anders gekommen wäre, wenn ich doch nur nicht krank geworden wäre. Wenn ich doch nur mit zu dem Kunstmarkt gefahren wäre. Doch musste ich ein erneutes Mal lernen, dass mein Weg eng an dem Weg anderer Menschen verlaufen kann und ich trotzdem meinen und die anderen ihren Weg gehen müssen. Nichtsdestotrotz war das nun der zweite schwere Abschied, denn Sie müssen wissen, dass diese Zeit im Freiwilligendienst uns zu einer kleinen Familie zusammenwachsen hat lassen. Eine Familie mit ihren Stärken und Schwächen und doch ein kleines, funktionierendes System aus Menschen, die man liebgewonnen hat.

Ebenfalls zu diesem „Moment“ gehört selbstverständlich auch meine Arbeit hier. Zu der Arbeit, die ich noch in zwei der sogenannten Frauenhäuser und mit der Sozialarbeiterin verrichte, darf ich ebenfalls Teil eines weiteren Projektes sein. Das Centro de Escucha (Zentrum des Zuhörens) für queere Menschen befindet sich in einem anderen Stadtteil namens Callao. Dort arbeite ich in einem Team, das sich hauptsächlich aus einem Pastor, zwei Psychologen und Freiwilligen zusammensetzt. In diesem Zentrum finden die Anliegen queerer Menschen und ihrer Angehörigen einen Raum. Zu den Angeboten gehören psychologische, spirituelle und zum Teil medizinische Betreuung, Freizeitangebote sowie kostenlose HIV-Tests.

Außerdem bin ich noch unsicher, ob ich demnächst einen weiteren Englischkurs anbieten oder lieber in einer Suppenküche mitwirken möchte. Da ich in Deutschland bereits berufstätig war, bin ich sehr froh über die Möglichkeit, in einem weiteren Projekt zu arbeiten, da mir die Arbeitslast in den Frauenhäusern doch gering vorkam. Außerdem finde ich es spannend, einen weiteren Stadtteil Limas kennenlernen zu dürfen, den ich sonst so wahrscheinlich nicht kennengelernt hätte.

Diese Veränderung kam mit dem Abschied meiner Mitfreiwilligen genau zum richtigen Zeitpunkt, denn so hatte ich zwar einen sehr traurigen Abschied, aber gleichzeitig einen hoffnungsvollen Neubeginn. Wie schön, dass Trauriges sowie aufregende Neuerungen gemeinsam einhergehen können.

Rabia

Rabia in der Kirche "Iglesia de San Francisco".
Die Aussicht von der Suppenküche auf die Stadt.
Die Aussicht von Minaflores auf den Pazifik.