Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich bald für ein ganzes Jahr auf einer kleinen Insel mitten im Pazifik leben würde, hätte ich das niemals geglaubt. Und doch sitze ich jetzt hier, ungefähr anderthalb Monate nach meiner Ankunft in Timor-Leste, und versuche in Worte zu fassen, was bisher alles passiert ist.
Unser Abenteuer begann, als wir in Dili ankamen. Schon gleich zu Beginn wurden wir herzlich von den Schwestern aufgenommen. Ehe wir uns versahen, waren wir mitten in den Vorbereitungen für ein großes Fest: Gefeiert wurde gleich doppelt. 150 Jahre Steyler Missionare und 50 Jahre Steyler Missionare und Missionsschwestern in Timor-Leste. Die Feierlichkeiten zogen sich über eine ganze Woche, und wir waren mittendrin. Wir haben mitgefeiert, mitgetanzt, mitgesungen und mitgeholfen. Es war bunt, fröhlich und hat uns sofort das Gefühl gegeben, angekommen zu sein.
Neben den Festlichkeiten mussten wir uns zudem um unser Visum kümmern. Für uns und auch für die Schwestern war es das erste Mal, dass ein Freiwilligenvisum beantragt wurde. Nach anfänglichen Verwirrungen haben wir das hinbekommen. Ansonsten haben wir die Zeit in Dili genutzt, um uns ein bisschen in den Alltag einzuleben: mitbeten, mithelfen, den Tagesrhythmus kennenlernen und vor allem, die Sprache Tetum üben.
Nach den ersten Wochen in der Hauptstadt sind wir nach Atabae weitergezogen. Von der belebten Stadt, wo an jeder Ecke Musik zu hören ist, hinein in eine ländliche Umgebung, wo man abends beim Einschlafen nur das Meeresrauschen hört.
Atabae ist ein größeres Dorf zwischen Meer und Reisfeldern. Die meisten Menschen leben von der Landwirtschaft oder dem Fischfang. Wir wohnen zusammen mit den Schwestern auf dem Gelände der Schule, in der wir auch arbeiten.
Unser Tag beginnt früh um 5.30 Uhr mit dem Morgengebet und der anschließenden Messe. Zugegeben, das frühe Aufstehen war am Anfang nicht leicht, aber inzwischen klappt es ganz gut. Nach einem schnellen Frühstück beginnt um 8 Uhr die Schule. Sie umfasst den Kindergarten sowie neun Jahrgangsstufen. Insgesamt besuchen rund 200 Kinder die Schule.
Eine unserer Aufgaben wird das Englisch-Unterrichten sein. Zunächst gemeinsam mit den Schwestern und später vielleicht auch alleine. Am Anfang hatte ich Respekt, weil weder Englisch noch Tetum meine Muttersprache ist. Aber nachdem die Schüler*innen beim ersten Unterrichtsbesuch begeistert „Head, shoulders, knees and toes“ mitgesungen haben, war die Aufregung etwas verflogen. Trotzdem bin ich froh, dass wir gerade am Anfang noch viel Unterstützung bekommen.
Daneben helfen wir dort, wo es gerade nötig ist: beim Heimbringen der Kinder, in der Schulkantine, beim Kochen in der Kommunität oder im Garten der Schwestern. Eigentlich gibt es immer etwas zu tun.
Relativ schnell wurde klar: Sprache ist hier der Schlüssel zu allem. Die Menschen in Timor-Leste sind unglaublich kommunikativ, sie reden gerne und viel. Doch die meisten sprechen kaum Englisch, höchstens ein paar Sätze. Wir hatten uns zwar vorbereitet, aber schnell gemerkt: Im Alltag ist es noch einmal etwas ganz anderes.
Tetum wirkt auf den ersten Blick einfach, weil es wenig Grammatik hat – zum Beispiel kein eigenes Wort für „sein“. Gleichzeitig gibt es viele Dialekte, die so unterschiedlich sind, dass selbst Timoresen einander manchmal nicht verstehen. Dazu kommen Portugiesisch und Indonesisch, manchmal ein echtes Sprachchaos! Trotzdem: Nach einigen Wochen können wir uns schon ganz gut verständigen, auch wenn noch längst nicht alles perfekt läuft.
Die ersten Wochen hier waren unglaublich intensiv. Einerseits habe ich das Gefühl, gerade erst angekommen zu sein, andererseits kommt es mir schon wie eine kleine Ewigkeit vor, weil so viel passiert ist.
Natürlich ist nicht immer alles einfach. Das Jahr stellt uns vor viele Herausforderungen, und ich weiß noch nicht genau, was alles auf uns zukommen wird. Aber schon jetzt merke ich, dass ich das Land und die Menschen sehr ins Herz geschlossen habe. Man spürt hier die schwere Geschichte des Landes: Erst die portugiesische Kolonialzeit, dann die indonesische Militärherrschaft. Timor-Leste ist ein junges Land im Aufbau. Und doch sind die Menschen glücklich, tatkräftig und voller Lebensfreude.
Genau das macht mir Mut: Trotz aller Schwierigkeiten schaffen sie es, das Beste aus allem zu machen und das Leben zu genießen. Und auch wenn es manchmal herausfordernd ist, merke ich jeden Tag, dass ich hier unglaublich viel lernen darf. Über das Land, die Menschen und nicht zuletzt über mich selbst.
Pia