„Siehe, ich mache alles neu“

Tage zwischen Schockstarre, Hoffnung und dem Leben in Fülle - Sr. Anne-Sophie Dessouroux beschreibt in ihrem Osterimpuls die besondere Zeit ab Gründonnerstag.

Alles fing mit einem Mahl an. Einem Festmahl. Die Gäste preisen Gott und genießen Seine Gaben. Das Brot – genommen, geheiligt, gebrochen, geteilt. Ein Vorzeichen für die nächsten Stunden – und niemand kapiert es. Jesus ist ganz und gar da. In vollem Bewusstsein trinkt er jede restliche Sekunde seines irdischen Lebens mit allen Phasen seines Körpers aus. Er ahnt es: Bald ist es vorbei. Er ist die beste Botschaft, die die Welt je gehört hat. Die Botschaft der bedingungslosen Liebe und Annahme Gottes für jeden Menschen. Die Botschaft der radikalen Gerechtigkeit Gottes – alle sind vor Ihm gleich. Die Botschaft einer neuen Weltordnung: Nicht mehr das Gesetz der Stärksten, sondern das Gesetz des Schwächsten und Kleinsten. Natürlich ist diese Botschaft ein Dorn in den Augen der Mächtige, die Angst haben, ihren Platz zu verlieren. Er muss eliminiert werden.

Eigentlich hat er die Wahl. Er könnte zurück nach Galiläa und aus der Öffentlichkeit verschwinden. Eine Frau heiraten, Kinder kriegen, am Leben bleiben. Aber dann ist er, dann ist sie, die Botschaft der Liebe Gottes, nicht mehr glaubwürdig. Dann hat diese Liebe eine Grenze: den Tod. Und die Angst davor. In der Wahrheit zu bleiben, bedeutet, bereit zu sein, die Wahrheit dieser Botschaft mit dem eigenen Leben zu bezeugen.

Am Ölberg angekommen, ringt er. Er sucht Unterstützung bei den Seinen, die er nicht findet. Auf sich alleine gestellt, betet er. Im Dunkeln. Er ringt mit Gott. Er fleht ihn an, dass er eine andere Lösung findet. Noch nicht jetzt. Er will leben! Sein innerer Kampf spannt ihn an. Blutige Schweißtropfen fallen auf den Lehmboden. Irgendwann stöhnt er. Er lässt los. Er akzeptiert. Jesus ergibt sich. Das ist der Weg. Gottes Wille geschehe. Er legt sein Leben in die Hände des Vaters, mit Vertrauen und innerem Frieden. Wie im Himmel, so auf Erde.

Von dort geht alles nur noch schnell. Schritte im Garten. Alle sind plötzlich wach. Soldaten, Kuss, Verrat, Arrest. Von den Seinen verlassen, verlässt der Gefangene den Garten. Die Nacht ist dunkel, keine Sterne am Himmel. Am Morgen ist er nur noch ein blutender Spielball. Verachtet, er lässt alles mit sich tun und reagiert keineswegs. Macht hat er nicht, außer der Macht der Liebe. Wie geht es ihm damit, dass Menschen diese verrückte Liebe Gottes nicht annehmen, sondern mit den Füßen treten und zerstören wollen? Warum, eigentlich? Ist es too good to be true? Oder ist es die Angst, als nackte Person ohne Tun und Leistung geliebt zu sein?

Vieles muss er aushalten. Wie so viele andere auch. Die körperlichen Schmerzen. Die Verachtung. Die Begegnung mit der Unmenschlichkeit, in dem Wissen, dass es nur noch schlimmer wird. Das Kreuz – Zeichen der Grausamkeit der Menschheit. Nackt ist er, seiner Würde geraubt. Geschlagen wird er, die Handgelenke durchbohrt. Allein, verlassen. In Qual. Er leidet. Er wartet. Die Menge auch. Nichts passiert. Nichts. Keine Stimme vom Himmel, keine Heere von Engeln, kein Wunder. Nichts. Er agonisiert allein. Sein Testament: „Ihr könnt mich foltern und töten, ich werde nie aufhören, euch zu lieben. Auch wenn ich mich von Dir verlassen fühle – ich werde nie aufhören, an Dich, an Deine Liebe, deine Güte und Deine Treue zu glauben.“

Der Tod. Er stirbt am Kreuz. Es ist vollbracht. Alles finished. Das Licht ausgelöscht. Keine Hoffnung mehr. Seine Botschaft nur leere Worte. Schockstarre. Dunkelheit, Trauer, Leid. Das Leben begraben. Der Tod hat sein letztes Wort. Alles umsonst.

Der zweite Tag. Nichts passiert. Das Grab ist da. Alles umsonst.  

Der dritte Tag. Niemand ist da in der Nacht, um das Unmögliche zu bezeugen. Die Soldaten schlafen. Ob sie etwas gesehen haben? Auf jeden Fall ist frühmorgens das Grab leer. Schock der ersten Frauen, die keinen Leichnam mehr zum Trauern haben. Unmöglichkeit der Begegnung mit Jesus. Und doch. Das Unmögliche wird möglich. Die Welt steht Kopf. Die Liebe triumphiert. Die Wahrheit macht sich breit. Eine logische Sackgasse. Eine naturwissenschaftliche Unmöglichkeit. Eine menschliche Frage. Eine göttliche Einladung. Der Herr ist auferstanden. Gestorben, um zu leben. Genommen, geheiligt, gebrochen, geteilt, um zu lieben. Jede und jeden von uns.

Die Sonne geht an diesem neuen Morgen auf. Ein Vogel zwitschert. Drei Narzissen wenden sich der Sonne zu. Alles frisch. Alles neu. Eine besondere Stimmung voller Vorfreude schwebt über den See. Am Ufer steht Er. Er wartet. Neben Ihm, ein Feuer mit Fischen und Broten drauf. Die Freude des Wiedersehens. Das Teilen des Brotes, ein Vorgeschmack des Lebens in Fülle. „Siehe, ich mache alles neu“. Alles fängt mit einem Mahl an.

In der Eucharistie, am Ostertisch mit der Familie versammelt, im Brotbrechen, im Gebet, denke daran: Der Herr ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden, halleluja!

Im Namen der Steyler Missionsschwestern wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Osterfest und viele alltäglichen Erfahrung der Lebensfülle, die auf uns wartet!

Sr. Anne-Sophie