Steyler Schwestern setzen sich für Frauenrechte ein

Häusliche Gewalt und Menschenhandel sind auf der indonesischen Insel Flores weit verbreitet. Die Steyler Organisation TRUK-F mit ihrer Leiterin Sr. Fransiska Imakulata SSpS fährt in abgelegene Dörfer, um aufzuklären und die Menschen zu schützen. Eine Reportage von Leben jetzt.

Sr. Fransiska ist nah bei den Menschen und hilft schnell und unkompliziert

Die Männer des Dorfes Riit hocken auf einer niedrigen Mauer oder kauern im Gras. Ein Stück weit von ihnen entfernt sitzen die Frauen am Rand des kleinen Grundstücks. Traditionell herrscht Geschlechtertrennung bei Zusammenkünften im patriarchalisch geprägten Indonesien. Schwester Fransiska Imakulata SSpS schaut in teils erwartungsvolle, teils müde Gesichter und greift zum Mikrofon.

Gemeinsam mit ihrem Team ist sie an diesem Morgen im Kleinbus in das weit abgelegene Dorf gefahren, immer bergauf durch enge Kurven und das dichte Grün des Regenwalds. Die Bewohner Riits sind hart arbeitende Kleinbauern, die nicht genug fruchtbares Land besitzen, um davon leben zu können. Die Schwester weiß aus ihren vielen Besuchen in ähnlichen Dörfern, dass viele Männer aufgrund ihrer Lebenssituation in den Alkohol flüchten. Armut und Schnaps sind eine gefährliche Mischung. Auch darum soll es heute gehen. Schwester Fransiska möchte aufklären und informieren: über häusliche Gewalt, sexuellen Missbrauch und Menschenhandel. Straftaten, die in Flores weit verbreitet sind. Und damit auch möglichst viele Bewohner kommen, wird es anschließend ein kostenloses Essen geben.

Freundlich lächelnd stellt Schwester Fransiska sich und die Organisation TRUK-F vor, die sich für Frauenrechte und Opfer häuslicher Gewalt engagiert, und deren Leiterin die erst 35-Jährige ist. Nötig wäre es nicht. Man kennt sie und ihre Organisation nicht nur auf Flores, sondern landesweit. Medien haben über die nahbare, oft lachende Frau berichtet, die schon als Mädchen wusste, dass sie einmal ein Ordensgewand tragen und ihr Leben notleidenden Menschen widmen würde. Und die in Rekordzeit ein Jurastudium absolvierte, um ihnen auch rechtlich zur Seite stehen zu können. 

Sie beginnt ihren Vortrag mit Gedanken zur Gleichberechtigung – die Basis für einen friedlichen und respektvollen Umgang der Geschlechter. „Jeder Mann und jede Frau ist ein Abbild Gottes“, betont die Schwester. „Deshalb sind sie gleichwertig. Und wir haben wir Verpflichtung, sie als gleich zu behandeln. Nächstenliebe heißt, auch Frauen nicht zu diskriminieren und zu demütigen.“

Der Appell an christliche Werte wirkt besonders stark bei den tief gläubigen Menschen auf Flores, die anders als im ansonsten muslimischen Indonesien mehrheitlich katholisch sind. Und das ist gut so. Denn die Zahlen, die TRUK-F erhoben hat, sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen 2000 und 2022 hat die Organisation insgesamt 2.691 Frauen und Kinder betreut, die Opfer von sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt oder Vernachlässigung wurden. Die Täter stammten meist aus der Familie oder dem nahen Umfeld, die Folgen für die Opfer sind gravierend: körperliche Verletzungen, Traumata, Depressionen, sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV, Teenager-Schwangerschaften und vieles mehr. All das lässt sie die Männer und Frauen von Riit wissen.

Die Mitarbeiter von TRUK-F begleiten die Betroffenen zu medizinischen Untersuchungen, geben juristische Unterstützung, ermöglichen psychologische Betreuung. Sie klären, ob die Betroffenen wieder nach Hause können, helfen bei der Wiedereingliederung in die Familie. Ist das nicht möglich, finden sie Aufnahme ins Frauenhaus St. Monika in Maumere. Dort sind die Opfer geschützt, die jungen Mädchen können zur Schule gehen, die Frauen erhalten eine Ausbildung in Kochen und Nähen, damit sie später in der Lage sind, damit etwas Geld zu verdienen und auf eigenen Beinen zu stehen. Dafür bekommen sie, wenn sie St. Monika verlasen, auch finanzielle Unterstützung, sodass sie notwendige Investitionen machen und sich etwa eine Nähmaschine kaufen können. Wenn die betroffenen Mädchen niemanden haben, der sie aufnimmt und wo sie sicher sind, können sie bleiben.

Schwester Franziska bittet die anwesenden Eltern, ihren Töchtern die gleichen Bildungs- Weiterbildungschancen zu geben wie den Söhnen. Nur mit Bildung könne man der Armut und Abhängigkeit entkommen. Und auch das legt sie ihnen ans Herz: „Geben Sie den Töchtern zu ihrem Schutz ein eigenes Zimmer. Es sollen nicht alle Familienmitglieder in einem Raum schlafen.“ Sie endet schließlich mit dem Aufruf: „Schauen Sie nicht weg, wenn es einen Fall von häuslicher Gewalt in Familie und Nachbarschaft gibt, und schweigen sie nicht. Gehen Sie zur Polizei. Oder, wenn sie den männlichen Polizeibeamten nicht trauen, wenden Sie sich direkt an TRUK-F.“ 

Danach gibt Schwester Fransiska das Mikrofon weiter an Falentinus Pogonn, den Anwalt von TRUK-F, der sich nun vor allem an die Männer richtet. Sie sind es, die in Flores mehrheitlich von Menschenhandel betroffen sind. Weil sie wegen mangelnder Bildung auf Flores keine Chance auf einen guten Arbeitsplatz haben, suchen sie Jobs in der Bauindustrie oder auf Palmölplantagen, die auf anderen Inseln oder in Malaysia liegen. Hunderttausende haben das bereits gemacht.

Auch auf illegalem Weg. Die jungen Männer in den Dörfern  glauben den Menschenhändlern, die zu ihnen kommen und ihnen viel Geld versprechen. Doch die Realität, so berichtet der Anwalt, sieht dann ganz anders aus: Sie müssen für sehr wenig Gehalt sehr hart arbeiten, Pass oder Visum werden ihnen weggenommen. Laufen sie weg, werden sie verhaftet. Die Polizei schützt nicht sie, sondern die Plantagenbesitzer, bei denen es sich nicht selten um Politiker handelt. 

Wurden 2019 auf Flores und den angrenzenden kleinen Inseln 191 Fälle von Menschenhandel gemeldet, waren es 2021 bereits 624. Seit 2019 bis März 2024 wurden bereits etwa 606 Leichname nach Flores und die benachbarten Inseln zurückgeschickt, um dort beigesetzt zu werden. Vermutet wird, dass die Männer durch die harte Arbeit, Unfälle und Gewalt zu Tode gekommen sind. Besonders erschreckend: Einigen von ihnen wurden Organe entnommen, um sie zu verkaufen. 

Die Männer des Dorfes Riit hören gebannt zu, als der Anwalt sie bittet, den Menschen, die ihnen Wohlstand versprechen, nicht zu vertrauen. Es gäbe auch ganz offizielle Wege, eine Anstellung auf einer anderen Insel oder im Ausland zu bekommen. Das Verfahren seien zwar langwieriger und komplizierter, aber dafür drohe ihnen später keine Gefahr. 

Zum Ende der Veranstaltung tritt Pater Otto Gusti Madung SVD ans Rednerpult. Der Leiter der Steyler Hochschule von Ledalero spricht über Menschenrechte: etwa das Recht auf Leben, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Wahlfreiheit. Er betont, dass die Menschenrechte für alle gleich gelten, für die Kleinbauern in Riit genauso wie für die Minister in Jakarta. Für Männer genauso wie für Frauen. Das sei die Grundlage für eine demokratische Gesellschaft, in der es keine Untertanen gibt, sondern ausschließlich Bürger. Gedanken, die nicht nur wichtig für das Selbstbewusstsein der Menschen sind. Sondern auch für den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen und für die Festigung der noch jungen Demokratie. 

Während die Mitarbeiter von TRUK-F anschließend Reis mit Gemüse verteilen, unterhalten sich einige Frauen über das, was sie gerade gelernt haben. „Ich bin so froh, dass Schwester Fransiska da war und fühle mich jetzt als Frau gestärkt“, sagt etwa Maria Anika, während die anderen zustimmend nicken. „Je mehr über das Thema gesprochen wird, umso eher verbessert sich unsere Situation.“ Sie kennt selbst auch einen Fall von häuslicher Gewalt im Dorf, wollte helfen. „Aber dann heißt es gleich: ‚Das geht dich nichts an‘. Also habe ich nichts gemacht. Aber jetzt weiß ich, wohin ich mich dann wende“, so die 52-Jährige.

 „Für mich sind Frauen und Männer gleich“, sagt Abel Bertus, 39, der sich von den Vorträgen begeistert zeigt. „Aber mit dieser Überzeugung bin ich hier im Dorf eher die Ausnahme. Da fehlt viel Wissen, gerade bei den Älteren, die nicht zur Schule gegangen sind.“ Deshalb sei es so wichtig, dass sie heute etwas lernen konnten. „Wir hoffen, dass Schwester Fransiska und ihr Team bald wiederkommen. Wir brauchen ihre Unterstützung. Dringend.“

Für Frauenrechte
TRUK-F (eine Abkürzung für „Freiwilligenteam für die Menschen auf Flores“) wurde 1997 in Ledalero gegründet. Geleitet wird die Organisation seit 2019 von Schwester Fransiska Imakulata SSpS. Die Organisation setzt sich für die Stärkung der Frauenrechte, Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung und Gewalt ein. Das macht sie zum einen durch Aufklärung: Sie hält Informationsveranstaltungen in Dörfern und an Schulen, macht Workshops, Seminare, Radiobeiträge und organisiert Demonstrationen. Zum anderen engagiert sie sich politisch. TRUK-F ist Mitglied in einer von der indonesischen Regierung eingesetzten Kommission für Frauenrechte. Gemeinsam mit anderen Frauenorganisationen haben sie 2022 ein Gesetz auf den Weg gebracht, das sexuelle Gewalt und Belästigung unter Strafe stellt. Sowie auf lokaler Ebene Gesetze gegen Menschenhandel und häusliche Gewalt. Durch ihren rechtlichen Beistand konnten Täter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden. Zurzeit leben 33 Mädchen und Frauen im Frauenhaus, 13 davon wurden jüngst aus einer Bar befreit, wo sie misshandelt und zur Sexarbeit gezwungen wurden. 

Einen Film über das Projekt hat das Team von steyl medien erstellt. Auf YouTube kann man ihn ansehen.


Text: Ulla Arens
Fotos: Garry Lotulung

Mit freundlicher Genehmigung von Leben jetzt.