Leben in interkulturellen Gemeinschaften, wie hier in Togo, gehört für die Steyler Schwestern zu ihrer Lebensrealität

Von der Wichtigkeit zu fremdeln

Für die Ordenskorrespondenz der Deutschen Ordensobernkonferenz hat Sr. Anna Damas über das Leben in kulturell gemischten Kommunitäten geschrieben.

Eines Abends in Papua-Neuguinea schauten wir die Nachrichten im Fernsehen. Der Tourismusminister eines südostasiatischen Landes erklärte, man werde eine Gruppe australischer Touristen mit einer hohen Geldstrafe belegen, weil sie halbnackt auf einem heiligen Tempelberg posiert und Fotos gemacht hatten. Dieses blasphemische Verhalten sei der Grund des Erdbebens gewesen, welches wenige Stunden später das Land erschütterte. Bei diesen Worten lachte die slowakische Schwester neben mir amüsiert auf, woraufhin die Schwester aus Papua-Neuguinea sie halb erstaunt, halb irritiert ansah: Was gab es denn bei dieser ernsten Angelegenheit zu lachen?!

Kulturell gemischte Kommunitäten machen die Erfahrung, dass interkulturelles Gemeinschaftsleben viel mehr erfordert als bloß international kochen, einige Brocken der jeweiligen Sprachen der anderen zu lernen, in der Liturgie zu trommeln und Lieder aus anderen Ländern zu singen. Sich einmal die Landestracht der anderen überzustreifen, Exotisches zu essen und neue Tanzschritte zu lernen – all das ist ein erster Schritt der Annäherung. Aber es ist eben nur ein allererster Schritt, sozusagen der touristische Einstieg in ein riskantes und langwieriges Abenteuer, das in die Tiefenschichten einer anderen Kultur eintauchen lässt. Denn wirklich interessant - und anstrengend - wird es erst dann, wenn es nicht bloß um fremde Gebräuche und Lebensweisen geht, sondern wenn unterschiedliche Weltbilder und Wertesysteme aufeinandertreffen. In Ordensgemeinschaften wird diese tiefere Dimension kultureller Unterschiede manchmal nicht wahrgenommen oder vorschnell übergangen. Man beruft sich dann auf das gemeinsame Ordenscharisma, das angeblich über alle menschlichen Differenzen hinweg vereint. Ein Trugschluss; denn das Ordenscharisma existiert nur in der jeweiligen geschichtlichen und kulturellen Prägung.

Ich erinnere mich an eine Diskussion in unserer Kommunität in Papua-Neuguinea, wie wir das Professjubiläum der ersten einheimischen Schwestern feiern wollten. Die einheimischen Schwestern plädierten für eine möglichst große Feier mit möglichst vielen Gästen und Essen für alle im Überfluss. Denn so feiert man schließlich in Papua-Neuguinea das Leben und ehrt seine Gäste. Den europäischen Schwestern behagte das nicht. Sie sprachen sich für eine bescheidenere Feier aus und argumentierten mit dem Gelübde der Armut und dem Zeugnis eines einfachen Lebensstils. Aber auch die einheimischen Schwestern konnten sich auf unsere Ordensregel berufen, die uns dazu aufruft, uns zu inkulturieren. „Wenn wir uns nicht einigen können, dann schauen wir doch in den Evangelien nach. Dann können wir uns direkt an Jesus orientieren“, schlug jemand vor. Aber auch in der Bibel kam uns ein kulturell schillernder Jesus entgegen: ein armer Wanderprediger, ja, aber Partys durchaus nicht abgeneigt, was immerhin so augenfällig war, dass seine Gegner ihn Fresser und Säufer schimpfen konnten (Mt 11,19 par). Wie wir glauben und unsere Gelübde verstehen, ist zutiefst von unserer Kultur geprägt.

Kultur ist ein dynamisches System, das Sinn konstruiert und kommuniziert. Menschen, die zu einem Kulturkreis gehören, teilen dieselben Grundauffassungen, Werte und Handlungsmuster. Die eigene Kultur ist das, was man meint, sei normal. Erst die Begegnung mit der/dem Fremden offenbart uns, dass sich ein „normaler“ Mensch nicht unbedingt schämt, den Toilettengang öffentlich zu verrichten; dass es nicht überall normal ist, Ehepartner, Beruf (und Ordensleben) selbst zu wählen; dass Duzen in manchen Gesellschaften nicht Nähe schafft, sondern respektlos ist. Mit einer fremden Kultur konfrontiert zu sein (indem man dort lebt, oder indem jemand Fremdes bei uns einzieht), kann deswegen eine Sinnkrise auslösen. Ein Kulturschock ist der Aufschrei, „dass es hier nicht ganz normal ist."

In der Begegnung zwischen Kulturen legt man die Last und Verantwortung oft auf die Hinzugekommenen: Sie sollen sich an die Gastkultur anpassen. In dieser Perspektive ist kulturelle Eingliederung wichtig. Der/Die Fremde soll je länger, je weniger fremd sein. „Soundso hat sich perfekt eingelebt, man merkt gar nicht mehr, dass sie aus … kommt.“

Damit ist zwar Anpassung gelungen, aber die Chance wirklich interkultureller Begegnung verpasst. Diese führt nämlich für beide Seiten auf unbetretenes Neuland. Denn wenn ich das Andere im Anderen stehen lasse, ohne es assimilieren zu wollen, setzt es ein Fragezeichen hinter meine Normalität. In interkulturellen Begegnungen lernen alle Beteiligten voneinander Neues und stellen ihre bisherigen Selbstverständlichkeiten in Frage, um zwischen den Kulturen kommunizieren zu können. Wenn jedoch eine Seite ihre kulturellen Werte und Normen als die Werte schlechthin hinstellt, kann von der anderen Seite nur unterordnende Anpassung gefordert werden. In einer wirklich interkulturellen Kommunität müssen alle ihre angestammte Heimat verlassen (auch wenn sie in ihrem eigenen Land wohnen), um gemeinsam Neuland zu betreten, das Niemandes kulturelles Eigentum ist.

Viele der ausländischen Ordensleute in Europa kommen aus soziozentrischen (gemeinschaftsorientierten) Kulturen, wie sie in Afrika und Asien vorherrschend sind. In diesen Gesellschaften ist die Gruppe (Großfamilie, Clan; auch Kirche, Nation, Firma u.ä.) identitätsstiftend. Sie weist allen ihren jeweiligen Platz und Aufgabe im Gefüge zu. Gut ist, was die Harmonie und das Ansehen der Gruppe wahrt. Schlecht ist, was Risse sichtbar macht, wie z.B. Kritik üben, Konflikte offen ansprechen, eigene Wege gehen und eine abweichende Meinung vertreten. Ordensleute aus soziozentrischen Gesellschaften müssen in einer individualistisch geprägten Gesellschaft oft ihr erlerntes Wertesystem auf den Kopf stellen. Da wird von ihnen genau das verlangt, was in ihrer ersten Kultur als nicht gut angesehen wird: In Zusammenkünften das Wort ergreifen und sagen, was man denkt; seine persönlichen Angelegenheiten möglichst selber regeln; Meinungsverschiedenheiten und Konflikte ins Wort fassen usw. All das wird in einer individualistischen Gesellschaft als Zeichen von Reife gesehen. Wenn sich jemand anders verhält, fällt leicht das Fehlurteil, er/sie sei unselbständig, intransparent und ohne Eigeninitiative.

Ein vorschnelles Urteil verkennt die Tiefe der Dinge. Wer den anderen Menschen so haben will, wie man selbst ist, verneint das Andere und Fremde, um es dem Eigenen einzuverleiben und damit auszulöschen. Eine interkulturelle Kommunität dagegen bewohnt gemeinsam die Fremde. Im Niemandsland, das keinem gehört, besitzt niemand das Definitionsrecht auf Richtig und Falsch, auf Wert und Unwert, auf: „So und nicht anders macht man das.“ Darum sind diese Kommunitäten auch so anstrengend: Ständig muss erkundet und neu verhandelt werden, worauf man sich einigen kann.

Interkulturelles Leben ist nicht nur anstrengend, sondern unter Umständen auch schmerzlich. Im Fremden begegnet man nämlich seinem eigenen Schatten. Jede Kultur muss wählen, keine Kultur kann alle Werte zugleich verwirklichen. Man kann nicht den/die Einzelnen der Gesellschaft zugrunde legen und zugleich die Gruppe; Traditionen zum Maßstab nehmen und gleichzeitig Flexibilität und Innovation hochschätzen; Zeit als wertvolle und begrenzte Ressource begreifen und zugleich als etwas, das immer in Fülle da ist wie die Luft.

In Papua-Neuguinea begegnete ich dem Schatten meiner Leistungsgesellschaft. Viel leisten, schnell arbeiten, viel wissen, viel unternehmen, viel erleben – das ist ein erfolgreiches und gelungenes Leben. In Papua-Neuguinea dagegen sah ich die Leute stundenlang auf dem Markt sitzen, die Arbeit gemach angehen und ohne Plan in den Tag hineinleben. Faul und langsam, dachte ich, da kann nicht viel bei herumkommen. Und nach meinen Maßstäben tat es das auch nicht. Was ich nicht sah, war, dass die Menschen viel Zeit in ihre Beziehungen investieren. Man ist zusammen und redet miteinander; worüber, ist weniger wichtig. Das Zusammensein ist wichtiger als etwas schnell und gut zu erledigen. Worin ich mir gefiel – in meinem Arbeitstempo, meiner Effizienz und meinen Leistungen, meinem Wissen und interessanten Redebeiträgen – das beeindruckte die Menschen um mich herum ziemlich wenig. Ich war frustriert, und dann sah ich mich auf einmal mit ihren Augen: jemand mit mangelndem Feingefühl für Beziehungen, mit einer Fixierung auf Arbeit und gehetzt von der Zeit. Meine bisherige Wertewelt und mein Selbstbild fielen wie ein Kartenhaus zusammen.

Meine Ordensgemeinschaft der Steyler Missionsschwestern hat seit ihrer Gründung Erfahrung mit kulturell gemischtem Gemeinschaftsleben. Es ist ein beabsichtigtes Ziel und Bestandteil unseres missionarischen Ordenslebens. Der Prolog unserer Ordensregel erklärt: „Als eine Gemeinschaft von Schwestern aus verschiedenen Völkern und Sprachen werden wir ein lebendiges Zeichen der Einheit und Vielfalt der Kirche.“ Lange betonten wir nur die positiven Seiten interkulturellen Lebens: gegenseitige Bereicherung, Horizonterweiterung usw. Demgegenüber steht aber die Erfahrung der einzelnen Schwester oder ganzer Kommunitäten, dass der interkulturelle Prozess auch verwirren und den Boden unter den Füßen wegziehen kann, dass er einsam machen und sogar missglücken kann. Auch mit positivem Ausgang sind die Kosten für die Beteiligten hoch: Man muss viel Zeit und Kraft investieren, immer wieder miteinander sprechen und suchen, neustarten, vergeben. Das Kapiteldokument unseres 14. Generalkapitels von 2014 enthält den Passus: „Wir werden uns der Licht- und Schattenseiten unseres interkulturellen und generationsübergreifenden Zusammenlebens bewusst und nehmen sie als einen Teil von uns ehrlich an. Wir öffnen uns dem ständigen Wandel, den dieses Zusammenleben fordert, indem wir versuchen, mit der Verschiedenheit und dem Unbekannten Freundschaft zu schließen“ (im englischen Original: „We open ourselves to continuous transformation as we befriend diversity and the unknown.“).

Angst vor dem Fremden, Angst vor den Fremden ist eine nur zu gut bekannte Realität in unserer Gesellschaft. Oft versucht man ihr mit gutgemeinten Apellen entgegenzusteuern: Man solle doch die Angst ablegen und das Fremde willig akzeptieren. Angst vor dem Fremden wird dann als psychologisches und moralisches Fehlverhalten gedeutet. Ich meine jedoch, dass das wenig hilfreich ist und sogar kontraproduktiv sein kann. Angst vor dem Fremden ist nämlich nicht nur eine natürliche Reaktion, sondern auch ein erster – und ich glaube: wichtiger – Schritt auf eine Begegnung hin. Wer den Anderen als Fremden erlebt, nimmt ihn/sie als wirklich Anderen wahr und ernst. Und weil das Fremde mein Eigenes in Frage stellt und konfrontiert, ist es eine potentielle Bedrohung meiner Identität. Wer dagegen das Anderssein des Anderen trivialisiert, reduziert seine Tiefe. Das Andere wird einverleibt, sozusagen unter positivem Vorzeichen: das Fremde sei ja gar nicht wirklich fremd und verschwinde bei wohlwollendem Hinsehen ganz. Das Fremde wegzuerklären, ist ein Versuch der Abwehr, um sich nicht der Verwirrung und Herausforderung wirklicher interkultureller Begegnung aussetzen.

Der evangelische Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto prägte den Ausdruck "mysterium tremendum et fascinosum" für die Erfahrung der Gottesbegegnung. Gott als der schlechthin Andere lässt den Menschen erschauern (tremendum) und zieht den Menschen gleichzeitig unwiderstehlich an (fascinosum). Beide Pole sind in der Erfahrung des Göttlichen gegenwärtig, und kein Pol darf fehlen, denn erst aus ihrer Spannung ergibt sich die Gottestiefe. Ich meine, dass man dieses Konzept gut auf die Begegnung mit dem kulturell Anderen übertragen kann. Das Fremde im Anderen zieht uns zugleich an und stößt uns ab. Es ist interessant und faszinierend einerseits, unkalkulierbar und bedrohlich andererseits. Beide Pole der Erfahrung sind aber wichtig, damit es zu echter Begegnung kommen kann. Und in dem Maße, in dem ich mich dem kulturell Anderen öffne, wird sich auch mein Gottesbild weiten. Denn die Gotteserfahrung ist ja immer vermittelt durch den menschlichen Erfahrungshorizont.

Die menschlichen Kosten interkulturellen Gemeinschaftslebens sind hoch. Manche Ordensgemeinschaften entscheiden sich deswegen bewusst dagegen. Sie ziehen das Leben in möglichst homogenen Gruppen vor, um alle Energie auf ihr Apostolat und ihren Auftrag zu konzentrieren. Das ist eine legitime Wahl. Wer sich trotz Kraftaufwand für interkulturelles Leben entscheidet, hat aber viel zu gewinnen – allerdings nicht garantiert und automatisch; ein Scheitern ist immer möglich. Ein gelungener Prozess führt zu einer neuen Qualität von Gemeinschaft, die allein schon durch ihr Dasein Zeugnis ablegt von kulturellem Dialog und Versöhnung. Die unterschiedliche kulturelle Prägung verschärft all die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten, die wir sowieso schon im Gemeinschaftsleben haben. Wer sich einer solchen Kommunität aussetzt, entscheidet sich dafür, freiwillig zu leiden, was – vorausgesetzt, der Prozess gelingt – zu größerer menschlicher Reife führt. Nicht zuletzt liegt diese Reife im Zugewinn an intellektueller und spiritueller Bescheidenheit. Der intellektuell bescheidene Mensch begreift und erfährt seine eigene (Glaubens-)welt als einen Teil des Ganzen; für die ganze Wahrheit braucht es den Anderen. Ein solcher Mensch versteht, dass „Leben bedeutet, sich zu verändern, und vollkommen sein heißt, sich oft verändert zu haben“ (John Henry Newman).

Sr. Anna Damas SSpS

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der DOK. Hier geht’s zur Homepage orden.de (externer Link, öffnet in neuem Tab)