Weihnachten in einer Grundschule in Ostberlin

In unserem Weihnachtsimpuls schreibt Sr. Annette Fleischhauer von ihren Erfahrungen mit Grundschulkindern, mit denen sie über Weihnachten gesprochen und Unerwartetes erlebt hat.

Seit über einem Jahr treffe ich Kinder aus dem 2. bzw. jetzt 3. Schuljahr in einer Grundschule im Osten von Berlin. Meine Aufgabe ist es, besonders den Kindern zu helfen, die von zuhause keine Unterstützung bekommen. Und so lesen wir in Büchern mit großer Schrift und bunten Bildern und ab und zu erzählen sie mir, was ihnen gerade auf dem Herzen liegt. Die Kinder haben Freude am Lesen und genießen es, in der 1:1-Begleitung die volle Aufmerksamkeit und Lob für ihre Fortschritte zu bekommen. Nie reicht die Zeit, um mit allen, die möchten zu lesen. 

Im Herbst kam mir der Gedanke mit den Kindern im Dezember die Weihnachtsgeschichte zu lesen. Aber konnte ich das einfach so? Würden die Eltern einverstanden sein? Es gibt kein Unterrichtsfach Religion in dieser Schule. Zudem gibt es im Osten kaum Christ*innen und viele Kinder sind muslimisch. Ich fragte die Direktorin und sie war begeistert von der Idee: Ja, die Kinder würden etwas lernen …. und ja, auch die muslimischen Kinder müssten da durch, sie wären jetzt in Deutschland.

Motiviert kaufte ich ein Buch (siehe Info unter dem Text) mit der Weihnachtsgeschichte in kindgerechter Sprache, mit großer Schrift und schönen Bildern. Wie würden die Kinder wohl darauf reagieren? 

Es wurde anders als ich gedacht hatte: Es gab keine Ausbrüche von Begeisterung, auch kein ganz großes Interesse – aber: Passte das nicht zur Geburt Jesu? Und trotzdem wurde es besonders: Sina* kannte die Weihnachtsgeschichte bereits aus dem Kindergarten. Sie wusste von der Krippe im Stall in Betlehem. Felix, ebenfalls aus Deutschland, hatte noch nicht von Jesus gehört und las und schaute mit großen Augen. 

Eine besondere Erfahrung war es, mit den muslimischen Kindern die Weihnachtsgeschichte zu lesen. Als Saida das Bild von Jesus, Maria, Josef und den Hirten im Stall sah, alle mit dunkler Haut, schwarzen Haaren und die Männer mit Bärten, sagte sie sofort mit Überzeugung: „Das sind alles kurdische Leute! Das ist wie bei uns, wir haben auch solche Tiere.“ Sie hatte auf dem Bild Vertrautes entdeckt. Banu sah Menschen, die feiern, und Kadir wie sie beteten oder schliefen.

Als wir an der Stelle ankamen, wo Jesus geboren wird, habe ich ihnen erklärt, welche Bedeutung er und seine Geburt für Christ*innen hat. Und dass es diesen Jesus auch in ihrer Religion gibt, er ein wichtiger Prophet ist und „Isa“ heißt. Ebenso ist Maria, die Mutter Jesu für Menschen muslimischen Glaubens die Prophetin „Maryam“. Darauf haben wir die Rollen gewechselt und sie haben mir voller Stolz von dem für sie wichtigen Fest, dem Fastenbrechen, erzählt und wie sie es feiern.

So hat Weihnachten unerwartet etwas Verbindendes geschaffen; es hat dazu geführt, dass wir über unseren unterschiedlichen Glauben gesprochen haben. Begegnung hat stattgefunden und damit verbunden Neugierde, Achtung und Respekt vor dem je anderen. So wurden diese vorweihnachtlichen Unterrichtsstunden zu einem kleinen, unscheinbaren interreligiösen und interkulturellen Ereignis. Ich bin überzeugt, dass Gottes Geist lebendig dabei war - vielleicht sogar noch näher als gedacht: Jesus ist ja auch in Betlehem unscheinbar, am Rand und ohne großes Aufsehen geboren (Lk 2, 6.7). Wir befinden uns also, am Rand von Berlin, und überall sonst an den Rändern dieser Welt in „guter Gesellschaft“: 

Hier ist Gott Mensch geworden und so wird Gott auch heute Mensch. Überall. Das ist tröstlich.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben im Namen aller Steyler Missionsschwestern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2026!

Sr. Annette Fleischhauer SSpS

*Die Namen der Kinder wurden verändert

Informationen zum Buch: Die Weihnachtsgeschichte von Tom Wright, Helena Perez Garcia und Kordula Witjes. Vom Engel bis zur Krippe – die erste Weihnacht erleben. Gabriel Verlag bei Thienemann. ISBN: 978-3-522-30754-3